Springe zum Inhalt

,,Das ist ja fantastisch!‘‘, rief der alte,weiße Mann aus seinem Sessel heraus. Soeben teilte ein Mitarbeiter seiner Firma ihm mit, dass der millionenschwere Deal mit einer saudischen Erdölgesellschaft stattfinden würde. Dem Mann stand die Gier förmlich in seinem Gesicht -nein, in seinen Augen- geschrieben.

,,Fantastisch..wirklich fantastisch...‘‘, murmelte er zufrieden in seinen Bart.

Doch für welchen Preis? Wer bezahlt wirklich dafür? ,,Das ist ja fantastisch!‘‘, die Frau umarmte ihren Ehemann voller Enthusiasmus. Dieser kam nämlich mit der frohen Botschaft nach Hause, eine Gehaltserhöhung erhalten zu haben. ,,Da haben sich all die Überstunden wohl doch beim Chef bemerkbar gemacht,nicht?‘‘, sie strahlte ihn mit ihren unnatürlich weißen, perfekten Zähnen an.

,,Vielleicht könnten wir dieses Jahr noch ein drittes Mal verreisen. Wieder auf die Boa Boa? Mal schauen‘‘, der Mann stellte sein Weinglas auf den Küchentresen ab. ,,Aber auf Boa Boa waren wir doch schon, ich würde viel lieber nach Capri! Oder nach Doha!‘‘, der Mann zuckte als Antwort nur mit den Achseln. ,,Mir egal, ich will eigentlich nur Zeit mit dir verbringen.‘‘, er drückte einen Kuss auf ihren Mund und schaltete den großen, teuren Fernseher an.

,,Das ist ja fantastisch!‘‘, der Junge hielt breit grinsend seine Zusage für eine der angesehensten Universitäten hoch. Seine Mutter zog ihn in eine enge Umarmung und drückte ihn fest.

,,Ich bin so stolz auf dich!‘‘. Er war glücklich. Nicht nur, weil er seit Langem mal wieder seine Mutter glücklich sehen konnte. Sondern weil er nach monatelanger harter Arbeit, wenig Schlaf und - ach,all die Nächte, die er durchmachen musste! - das ganze Lernen... – all das hatte sich ausgezahlt. Zufrieden zog er sich aus der Umarmung heraus und setzte sich an den kleinen Esstisch, in der genauso kleinen Küche, in der genauso kleinen Wohnung.

Das Essen auf dem Herd ist gerade fertig geworden und während die alleinerziehende Mutter den Tisch deckte, dachte sie nach. Sie war nur bei der Geburt ihres Sohnes noch glücklicher als jetzt. Seit seiner Kindheit machte sie sich um seine Zukunft Sorgen. Sie hatte Angst, dass er vielleicht so enden würde wie die vielen anderen Kinder aus ihrer Nachbarschaft: Drogen, Alkohol und nicht selten auch kriminell. Doch in eine bessere Gegend umzuziehen kam nie in Frage, dazu reichte das Geld einfach nicht. Hat es noch nie. Umso erleichterter war sie als sie von einem seiner Lehrer kontaktiert wurde, der das Potential ihres Kindes erkannte und ein Stipendium organisierte.

,,Hier, Liebling‘‘, sie stellte das Essen vor ihm hin und schon stürzte er sich freudig darauf. Danke Gott.Für alles, dachte sie, während sie ihrem Sohn beim Essen zusah.

,,Das ist ja fantastisch!‘‘, ein junges Mädchen, das am Wegesrand saß, sah zu einem Pärchen hinüber. Die Frau hielt ein Ultraschallbild hoch, während der Mann sie stürmisch umarmte. Da scheint wohl jemand schwanger zu sein, dachte das Mädchen.Wie schön. Der schneidend kalte Wind fuhr durch ihre Kleidung. Sie versuchte wenigstens ihr Gesicht in ihrem zerschlissenen Schal zu schützen und vergrub es darin. Der Himmel über ihr verdunkelte sich langsam mit grauen Wolken.

Bitte kein Regen!, dachte sie. Wo sollte sie denn hin, wenn es so spät Abends zu stürmen anfängt? Ein Zuhause hatte sie nicht. Außer man nennt die Straßen dieser Stadt ihr Zuhause. Aber ist ein Zuhause nicht eher warm, voller Liebe und,naja,Essen? Sie wusste es nicht; fast ihr ganzes Leben verbrachte sie nämlich schon auf der Straße. Solange schon, dass sie nicht einmal wusste, wie es dazu kam. Sie stand auf und machte sich auf die Suche nach einem Schlafplatz, oder zumindest nach einer überdachten Stelle. Frierend und zitternd machte sie sich mit ihren wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Doch nach nur ein paar Minuten wurde ihre Befürchtung wahr : es fing an zu regnen. Fluchend stellte sie sich unter den nächstbesten Dachvorsprung. Sie ging in die Hocke und vergrub frustriert ihr dreckiges Gesicht in ihren Armen. Wäre es nicht so kalt, so hätte sie sich eigentlich unter den Regen gestellt um wenigstens ein bisschen Dreck von ihrem Körper abwaschen zu können. Aber sie wollte keine Krankheiten riskieren, das wäre ein Todesurteil für sie.

Das Körper des Mädchens wurde langsam von einem Beben übermannt. Sie fing leise an zu schluchzen, weinte für sich. So wie sonst immer auch. Sie dachte daran in welch einer Situation sie leben muss, wie keiner sich um sie kümmert und wie sie wahrscheinlich auf den Straßen ein armseliges Leben sterben muss. Dabei war sie doch gerade mal 12.

,,Ich will doch nur ein Zuhause...‘‘, schluchzte sie. Das Weinen wurde schlimmer. ,,Hey, ist alles in Ordnung?‘‘, die Stimme ging fast im Geräusch des Regens und ihrem Heulen unter. Doch sie warf trotzdem einen kleinen Blick nach oben. Ein Mann stand vor ihr, neben ihm eine Frau. Sie erkannte beide wieder, es war das Pärchen von vorhin.

In all den Jahren, in denen sie mehrmals auf der Straße weinend zusammenbrach, hat nicht einer gefragt wie es ihr geht. Jetzt konnte sie nicht mehr aufhören zu weinen. ,,Nein.‘‘,schluchzte sie. ,,Nichts ist in Ordnung.‘‘, sie brach zusammen und ließ all ihren Gefühlen freien Lauf. Das Pärchen leistete ihr dabei stille Gesellschaft, bis die Frau diese Stille unterbrach.

,,Brauchst du zufällig eine Familie?‘‘, sie lächelte das kleine Mädchen an. Ihr Lächeln strahlte Güte aus, und Wärme. Fühlt sich so Zuhause an? Dinge, die das Mädchen so vorher noch nicht kennengelernt hatte. Sie nickte als Antwort langsam, in ihrem dreckverschmierten Gesicht blitzte ein Fünkchen Hoffnung auf.

,,Hättest du was dagegen, wenn wir uns ab sofort um dich kümmern?‘‘, sie blickten beide erwartungsvoll auf das Mädchen. Und wieder schüttelte sie ihren Kopf. ,,Nein...‘‘, ihre Stimme zitterte. Und brach abermals in Tränen aus. Diesmal war es aber fast schon so, als würde der Regen ihre Sorgen wegspülen.
Was blieb, war ein warmes Gefühl tief in ihrem kleinen Brustkorb.

Ein kleiner zierlicher Junge läuft durch die Ruinen seiner Nachbarschaft. Sein geschundener Körper kann ihn gerade so tragen; ein Wunder, dass er das letzte Bombardement überlebt hatte.

,,Mama..‘‘, weinte es. ,,Baba... wo seid ihr?‘‘ Ein unkontrollierbares Schluchzen erschütterte seinen winzigen Körper. Die Tränen hinterließen auf seinen von Asche bedeckten Wangen einen nassen Pfad.

Nichts außer sein Schluchzen und Weinen waren zu hören. Eine ungewohnte Stille, die diese Gegend schon seit fast zwei Wochen nicht mehr kannte. Das Kind streifte ziellos durch seine alte aber nun zerstörte Nachbarschaft, bis es sich ermüdet auf einen Mauerstein setzte. Es vergrub sein Gesicht in den dreckigen,zittrigen Händen und weinte. Und weinte, und weinte, und hörte nicht auf zu weinen.

Er war noch sehr jung aber trotzdem wusste er, was es bedeuten kann wenn Krieg herrschte: Tod. Trauer. Alleinsein. Aber er hatte doch immer seine Eltern und großen Geschwister? Wie soll er denn auf sich alleine gestellt leben können? Sein Weinen wurde noch unkontrollierbarer, stärker und schon fast animalisch. Er fing an zu realisieren, dass er jetzt allein war. Für immer.

Allein. Ein so kleines, unschuldiges Kind. Was konnte er denn schon für die Probleme der Erwachsenen? ,,JEBRAIL?‘‘, rief jemand aus der Ferne. Sein Kopf zuckte beim Klang seines eigenen Namens hoch. Er sprang auf und sah sich um. Diesmal fing er vor Freude und Erleichterung an zu weinen, denn er sah seine große Schwester und seine Mutter. Er rannte auf sie zu und war unendlich erleichtert niemanden verloren zu haben. Wo sein Vater und großer Bruder waren, diese Frage verdrängte er.
Und nicht mehr allein sein zu müssen, darüber war er auch froh.
Fantastisch, nicht?

Ist es nicht witzig, was verschiedene Menschen von verschiedenen Herkünften als fantastisch empfinden? Während der Mann mit dem dicken Geldbeutel sich darüber freut, noch mehr Geld machen zu können – weil die Millionen auf seinen Schweizer Konten nicht reichen, nicht ? - , ist eine Mutter froh darüber, ihrem Kind eine anständige Zukunft bieten zu können. Und noch weiter weg,da sterben Kinder und hinterlassen Familien zurück;da sterben Familien und lassen Kinder zurück.

Ist das nicht unheimlich komisch und traurig? Wie wir doch alle wissen, was viele Menschen erleiden müssen, doch trotzdem mit Scheuklappen durch‘s Leben gehen. Wohl wissend, was um uns herum geschieht, aber es ignorieren weil die Realität uns zu sehr Angst macht; weil es uns in unserer Bequemlichkeit beeinträchtigen würde.

Ich wünschte, das wäre alles nur fiktiv und ausgedacht, all das unnötige Leid wäre nur ein Hirngespinst. Aber es ist real.
Ich wünschte, wir alle würden endlich von unseren Wunschträumen erwachen. Aber wer will das schon? Ich wünschte, in meinem Kopf würden nur allerlei fantastischen Vorstellungen spuken. Aber das tut es nicht.

©2019 SchreibKunst-Blog/ Sultan Koras (Q4)

Januar 2016

Es herrscht eine Eiseskälte, die Kälte durchdringt mich, kriecht mir in die Knochen und lässt mich am ganzen Körper zittern. Meine Nase, Ohren und Gliedmaßen sind taub und trotzdem schleppe ich mich durch die Straßen, welche eher einem reißenden Fluss gleichen. Ich bin auf dem Heimweg von einer Brexit- Veranstaltung, weder habe ich mich bis jetzt politisch engagiert, noch für Politik interessiert. Allerdings ist dieses hochbrisante Thema zu fundamental, um mit Nichtachtung abgetan zu werden. Alles Begann mit unserem Premierminister David Cameron, als er 2013 seine Idee eines Referendums über den Verbleib in der Europäischen Union ins Spiel brachte. Sein Motiv bestand allein darin, seine Gegner und EU- Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Anfänglich nahm das Volk dies in keiner Weise als potenzielle Option war. Doch, die Zeit fließt dahin und das Land spaltet sich immer weiter. Es scheint wie ein Riss in einem monströsen Felsen zu sein, tritt einmal ein Sprung auf, verbreitet dieser sich rasant schnell, wird immer tiefer bis der Fels schließlich in zwei bricht. Die EU- Befürworter stehen den Gegnern mit einer Feindlichkeit gegenüber, die sonst nur zwischen Ultra konservativen Republikanern und extremen Demokraten walten. Dieser Zustand ist untragbar, deswegen gründeten wir an der Universität eine Gruppe, die sich ausdrücklich für die Diskussion zwischen beiden Standpunkten einsetzt. Des Weiteren klären wir unsere Mitbürger über die Europäische Union auf. Bei unseren unzähligen Unterrichtbesuchen, sowie Vorträgen versuchen wir den Menschen nahe zu bringen, was die EU uns für Vorteile bringt. Erschreckend ist das offenkundige Unwissen unserer Mitbürger, weiterführend sogar das Desinteresse.

Dieser Brutale Kampf raubt mir die Kraft, das Lebenselixier wird förmlich aus meinem zerbrechlichen Körper gesaugt, trotzdem wird er für mich andauern, solange bis das Referendum mit einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt wurde. Wie kann es auch anders kommen.

23. Juni 2016

Ich sitze mit meinen Mitstreitern in einem winzigen Keller, ein bisschen größer als eine Besenkammer. Von hier aus haben wir die letzten sechs Monate unsere Botschaften gesendet, Vorträge geplant- Tag und Nacht bis wir im Stehen die Augen nicht mehr im Stande waren auf zu halten. Wir drängen uns alle vor einem uralten Röhrenfernsehn, das Bild flackert, der Ton hängt. Die Spannung ist gewaltig, unsere Nerven sind bis aufs äußerste gespannt, selbst eine Nadel hätte man in diesem Moment zu Boden fallen gehört. Alle Augen starren auf den Fernseher, wo die Nachrichten laufen. Gleich ist der Moment, für den jeder in diesem Raum alles gegeben hat da. Die Auswertungsergebnisse der Abstimmung werden veröffentlicht.

Mein Magen krampft sich zusammen, meine Atmung setzt aus, meine Zunge ist staub trocken. Ich blinzle, reibe mir die Augen doch die Zahlen bleiben gleich. Dieses Ergebnis konnte ich mir im Traum nicht erklären. Wie konnten 52% für den Austritt stimmen. All die harte Arbeit, aller Schweiß den ich investiert hatte, all die Auszehrung die ich auf mich genommen hatte- und dann so was!

Zusammengesackt, unfassbar traurig verlasse ich den Keller, unfähig ein Wort hervorzubringen renne ich los. Ich laufe schneller als ich je zuvor, ein erbärmlicher Versuch dem Geschehenen zu entfliehen.

29. März 2019

Das Leben ging weiter… Ist es nicht unfassbar am Tag NACH der Abstimmung informieren sich die meisten erst darüber, was gestern zur Abstimmung kam. Naja- die Fehler die aus dieser Inkompetenz entstanden sind, können nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Heute ist der Stichtag auf den unsere neue Premierministerin Theresa May schon lange hin arbeitet, denn schließlich wurde beschlossen, dass das Vereinigte Königreich am heutigen Tag die EU verlassen wird. Doch ist heute wirklich der schwärzeste Tag der geeinten Geschichte von Europa? Darauf gibt es keine Antwort, obwohl festgehalten werden muss, wir waren unfähig unsere eigene Entscheidung umzusetzen. Vor zwei Jahren leitete May Austrittsverhandlungen mit der EU ein, als Ergebnis präsentierte sie Ende 2018 ein Austrittsabkommen. Dieses wurde glatte dreimal im Parlament abgelehnt. Entscheidendster Punkt für diese Ablehnung stellt die vorgeschlagene Lösung mit Irland da. Die sogenannte „Backstop“- Klausel soll nämlich in jeden Fall eine harte Grenze zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich verhindern. Hierauf aber noch näher einzugehen würde tausende Seiten füllen, diese ganze Bürokratie, Diplomatie und das Boulen um die Macht ist allzeit präsent.

Inzwischen vertrete ich die Position, dass endlich etwas passieren muss, diese ständige Nichtwissen ist wie Gift. Eine Lösung mit der wir arbeiten können auch wenn es nicht unsere Meinung reflektiert muss dringend her. Die Ungewissheit über die Zukunft ist fatal für unser Land. Unternehmen entschließen sich ihre Firmensitze in andere Länder zu legen, große Banken verlegen ihre Headquarters zum Beispiel nach Frankfurt. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen können werden wir eine massive Wirtschaftskrise erleben, allein der Finanzsektor macht bei uns 11,5% der Staatseinnahmen aus. Fallen diese weg stehen wir schlecht da, seien wir mal ehrlich auf Tourismus können wir nicht setzen. Zu genüge haben wir in letzter Zeit symbolisiert, wie wir über Ausländer denken und mit Sonnstrahlendem Himmel und Strand konnten wir noch nie überzeugen…

2035

Wir sind zurück! Sicherlich wisst ihr nicht was ich meine, lasst mich versuchen es euch es zu erklären. 2035 geht mein Kampf zu Ende, heißt das Referendum von 2016 ist Geschichte. Eigentlich ist es nicht ganz so einfach, tatsächlich ist das Vereinigte Königreich 2020 aus der EU geflogen. Diese Formulierung können Sie wörtlich nehmen, ich kann es aber keinem verübeln. Das Drama der Austrittverhandlungen wurde immer schlimmer, Theresa May bettelte immer wieder um einen Aufschub und konnte im Parlament keine Ergebnisse erzielen. Trotzdem klammerte sie sich an ihr Amt wie eine Klette, da hatte sie bereits unzählig gescheiterte Versuche Bestätigung für ihr Austrittsabkommen zu bekommen hinter sich. Nach weiteren unendlichen Telefonaten und Staatsbesuchen, fasste der französische Präsident Emmanuel Macron den Entschluss- die Britten haben alle Chancen verspielt, jetzt muss die EU an sich selbst denken und endlich wieder zu Normalität zurückfinden. Um seine Pläne umzusetzen versammelte Macron allmählich die Mitglieder der Europäischen Union und gewährte den Briten eine letzte Gnadenfrist. Doch wie zuvor brachten die Briten absolut nichts zustande, was dieses mal drastischere Konsequenzen für uns hatte, wir flogen Ende 2020 aus der EU. Die neue Situation fühlte sich an wie in einen eiskalten Pool geworfen worden zu sein. Unternehmen die dem Vereinigten Königreich bis jetzt treu geblieben waren suchten jetzt neue Standpunkte, der Handel mit europäischen Ländern kollabierte anfangs komplett. Allein die Zollkontrollen stifteten ein totales Chaos.

Auswirkungen die wir normalen Bürger zu spüren bekamen, davon gab es einige. Beispielsweise blieben die Regale in Supermärkten oft leer, es war nicht so das wir hungern mussten aber alles was über die Grundversorgung hinaus ging war wie vom Erdboden verschluckt. Am schlimmsten, zumindest für mich war allerdings das alle EU- Bürger welche bei uns gelebt hatten von heute auf morgen keinerlei Aufenthaltsrechtgenehmigung mehr hatten, deswegen sofort Ausreisen mussten. Bewusst wurde mir hierbei, wie wir alle von den allen Ausländern profitiert hatten. Das Straßenbild wurde extrem Monoton, nur britische Männer im Anzug mit Hut und Frauen in eleganten Kleidern mit Handtaschen waren zu sehen. An unser Universität fehlte ca. ein Drittel der Studenten und mit ihnen die Lockerheit und der Spaß.

Jetzt will ich aber aufhören mich zu beklagen und mich freuen, dass wir wieder ein Teil dieser großartigen Gemeinschaft geworden sind. Ganz tief in mir spüre ich, dass wir diese dunkle Periode in unserer Geschichte gebraucht haben, um ein solches Geschenk wieder richtig wertschätzen zu können. Dieser komplette Wahnsinn entpuppt sich schlussendlich doch als fantastisch, da er uns lehrte: Alleine ist man nichts, in einer Gemeinschaft aber jemand.

©2019 SchreibKunst-Blog/ Janne Kühner (Q4)

Stenozeichen
Spiegelscherben
Enterben
Türenknallen
Fäusteballen
Auf-Fallen
_________________________________________
Mein Gott wohnt hier nicht
Die Enge der Bücher
Der Druck des Staubs
Die dunklen Katakomben.
Sind sein Gefängnis. Gekettet ans Kreuz.

Ich nenne ihn Pan, denn man kann ihn überall finden.
Ich nenne ihn Pan, denn ich brauche einen Namen.

Das Leuchten der Blumen,
Der Duft des Frühlings,
Die offenen Asphaltwüsten
Sind die Tempel, die von seiner Größe künden.
_________________________________________

O, wie sehr fürchte ich ein Lichtstrahl zu sein
O, wie sehr fürchte ich ein Lichtstrahl zu sein.
Mit der Zeit zu reisen. Den Schmerz der Sehnsucht nicht zu kennen.
Im Glück & Leid im Hier & Dort zugleich zu schimmern,
Und doch nicht wissen was ich misse.

Vielleicht bin ich Licht; weiß nicht was ich misse und fühle das Missen umso mehr.

Und vielleicht vergehe ich, wenn ich etwas berühre.
Wirklich berühre.
Und es bleibt nur Schatten.
_________________________________________

Dasein
Da-Sein, Hier-Sein;
- das heißt Dort-Sein,
Fort-Sein;
nicht DA-Sein
_________________________________________
Ich bekomme Zustände,
wegen der Zustände.

©2018 SchreibKunst-Blog/ Nicolai Koch (Q4)

Entwurf:

Ich liebe dich und wende mich ab,
wenn du dich entblätterst.
Ich will dich nicht sehen.

Ich liebe dich und rede nur
über Belangloses, wenn wir uns sehen.
Ich will nicht wissen, was du denkst.

Ich liebe dich und scheue mich,
dich zu berühren.
Ich will dich nicht fühlen.

Lass mich weiter baden im fernen Traum von unserem Glück.
Denn in Wirklichkeit liebe ich dich nicht.
Denn in Wirklichkeit liebst du mich nicht.

Und tätest du es, es wäre doch nicht so schön, wie der einsame Schmerz, der mein kleines flatterhaftes Herz erdrückt.

Schmetterlingsherz.

©2018 SchreibKunst-Blog/ Nicolai Koch (Q4)

Wirklich gut ! – bis Seite 356

Silke Scheuermanns Roman „Wovon wir lebten“ (2016 bei Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH erschienen) begleitet den zu Beginn elfjährigen Merten auf dessen Lebensweg und erzählt dabei eine Geschichte von Elend, Einsamkeit und Abgründen, während im Hintergrund stets die Frage pocht: Wofür lohnt es sich noch zu leben?

Merten ist elf, als er seinen ersten guten Freund Micha kennenlernt, auf einer morgendlichen Böschung, an deren Abhang Mertens sturzbetrunkene Mutter liegt und ihren Rausch ausschläft.

Mit Michas Vater, einem Schreiner, besuchen die beiden Jungs die Villa der Frau von Sternberg um Möbel für deren Nichte abzuliefern. Merten ist fasziniert von der Nichte Stella, gleichzeitig aber schockiert von den so unterschiedlichen Lebenswelten.

Merten beginnt außerdem in diesem Alter für eins seiner Vorbilder aus dem Viertel, den Ex Boxchampion und Box-Club-Besitzer Reiner März, als Drogenkurier zu arbeiten. Diese Arbeit findet ein plötzliches Ende, als Merten erst Koks aus Reiners Wohnung herausschmuggelt, um ihn vor einer Razzia zu schützen, Reiner dann allerdings den Spitzel der Polizei umbringt und dafür ins Gefängnis geht.

Mertens Leben verläuft weiter kurvig. Er beendet eine Ausbildung als Schweißer, findet eine Freundin und taumelt währenddessen in eine Sinnkrise. In der Vorstellung und Angst gefangen sein Leben würde sich Woche für Woche wiederholen, beginnt er größere Mengen Drogen zu konsumieren, um die Wochenenden voll auszukosten.

Seine Beziehung zerbricht nachdem seine Freundin ihn betrügt und er den Nebenbuhler schwerstens verprügelt. Immer noch von Sinnlosigkeit erfüllt, beginnt er eine Beziehung mit der älteren und stark drogenabhängigen Jenna. Diese Beziehung, die er erst als „reine Vögelfreundschaft“ bezeichnet, erlaubt es ihm alle Tabus zu und aus seinem tristen Alltag auszu-, brechen, während die beiden all ihre Fantasien ausleben.

Aufgrund einer kleineren Hanfplantage die Merten und Mischa sich aufgebaut haben, muss Merten für vier Tage in das Gefängnis: Isolationshaft. Dort fällt er erneut in eine Sinnkrise und verzweifelt fast.

Am darauffolgenden Wochenende beginnt Jenna erstmals von einem gemeinsamen Leben zu reden, Merten dreht durch und beendet die Beziehung. Nun ist es an der Reihe von Jenna zu verzweifeln und durchzudrehen. Es folgt eine kürzere Zeit, in der sie ihn stark verfolgt, belästigt und stalkt.

Im Drogenrausch und getrieben von innerer Verzweiflung attackiert Merten seinen Vorgesetzten, es folgt eine zweimonatige Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung. Hier lernt Merten Peter seinen späteren Freund und Geschäftspartner kennen, der es sich in den Kopf gesetzt hat ein Restaurant zu eröffnen und Merten als Koch gewinnen möchte, was ihm auch gelingt.

Außerdem trifft Merten im Rahmen seiner Therapie erneut auf Stelle von Sternberg, die aufgrund einer Anorexie im benachbarten privaten Krankenhaus liegt. Sie möchte nach ihrer Therapie an einer Kunsthochschule studieren, was sie auch tun wird.

Nach Mertens Entlassung beginnt dieser in Frankfurt als Koch mit falschen Papieren einige Zeit sich auszuprobieren und sich nötige Fertigkeit beizubringen. Während dieser Episode nutzen ihm Peters Kontakte zur Unterwelt, der ihm Stellen und falsche Papiere verschafft.

Nach der Entlassung Peters einige Monate später, und nachdem dieser einen mysteriösen Investoren gefunden hat, kaufen die beiden sich zusammen mit Peters Ziehbruder Henning ein Restaurant, das sie „Happy Rabbit“ taufen. Die drei betiteln sich daraufhin spaßeshalber als „das Triumvirat“.

Das Restaurant läuft gut an, das mediale Echo nach der Eröffnung ist groß und bereits nach kurzer Zeit gibt es die erste Kunstausstellung von Stella im Restaurant, welche ebenfalls großen Erfolg hat. Stella und Merten sind während dieser Zeit zu einem Paar geworden, allerdings wird Merten, der aus einem so viel ärmeren Umfeld kommt, von starken Zweifeln an der Beziehung aufgrund des sozialen Hintergrunds geplagt. Diese Unterschiede werden vor Allem auf Vernissagen besonders deutlich, da Merten die gesellschaftlichen Regeln dieser Anlässe nicht bewusst sind.

Dieser Konflikt wird immer wieder thematisiert, auch als Jenna sich erneut meldet und versucht Zwietracht und Zweifel zu säen. Die Problematik spitzt sich dabei immer wieder zu, während Merten voller Verwunderung beobachtet, wie er sich seiner neuen gesellschaftlichen Rolle anpasst.

Nun taucht zu allem Überfluss auch noch der mysteriöse Investor auf. Es ist Reiner der nach seinem Gefängnisaufenthalt mit Fitnessstudios ein Vermögen verdient hat, einzig um seine Liebe wiederzugewinnen, die sich zu Mertens Kindertagen einem Konkurrenten mit mehr Geld um den Hals geworfen hatte.

Reiner möchte nun bei einem großen Essen im „Happy Rabbit“ seiner Angebeteten seinen neuen Reichtum vorführen und ihren Liebhaber einen anderen Fitnessclub-Besitzer vorführen. Dieser Plan misslingt vollkommen, als plötzlich die Hells Angels im Restaurant stehen um Stereoide zu verkaufen. Es kommt zu einer Messerstecherei an deren Ende Reiner tödlich verletzt erst auf dem Boden und dann im Krankenhaus liegt.

An Reiners Sterbebett erfährt Merten, dass seine Freundin Stella von Sternberg die zur Adoption freigegebene Tochter von Reiner ist.

Das Buch kann nun, da alle Handlungsstränge zusammengeflossen sind in der Happy-End-Szene eines großen, gemeinsamen Essens enden. Geladen sind dabei alle wichtigen Personen des Buchs.

Das Buch selbst hat als Hardcovertitel 519 Seiten und ist unterteilt in fünf Überkapitel die verschiedene Lebensabschnitte Mertens enthalten. Während die ersten drei Überkapitel bis zur Eröffnung des Restaurant noch durch fesselnde, düstere, detaillegetreue Schilderungen menschlicher Abgründe brillieren, nimmt die Qualität im vierten Überkapitel drastisch ab, als Leser*in erhält man den Eindruck, Frau Scheuermann lägen Happy-Ends nicht sonderlich.

Auch ähnelt das Happy-End mit einem Knall, der Inhaltlich sehr an Geschichten erinnert, wo das arme Bürgermädchen am Ende feststellt, dass sie doch eine Prinzessin ist und jetzt alle Standesprobleme behoben seien. Die Idee moderne Standesunterschiede anhand der Beziehung von Stella und Merten zu thematisieren ist gut, das Happy-End unrealistisch und gewollt.

Während in den ersten Kapiteln die Probleme einer Alkoholikerin fühlbar gemacht werden, Anorexie Patient*innen beschrieben werden, die sich nicht setzten wollen, weil stehen mehr Kalorien verbraucht und eindrücklich über die Eintönigkeit von Fabrikarbeit oder dem Leben im Allgemeinen philosophiert wird, finden im letzten Kapitel alle Fäden der Geschichte zusammen. Das wirkt zwar vorbereitet und gewollt, allerdings strapaziert Frau Scheuermann die Realität des sonst sehr realistischen Buches mit vielen unvermuteten Widersehen und Zufällen doch sehr.

Ähnlich verhält es sich mit der Art der Schilderungen und spannenden Perspektiven. Der Monolog, den Merten im Gefängnis mit sich selbst führt, ist ein Monolog der sowohl durch den knapp vorgetragen, aber emotionsschwangeren Inhalt als auch durch die Art der Schriftsetzung besticht und die Verzweiflung Mertens fühlbar macht. Ähnlich verhält es sich bei den Schilderungen von Mertens Kindheit, die durch den überwiegend frustrierenden und bedrückenden Ton, aber auch durch die kleinen Lichtblicke im Leben Mertens die Atmosphäre der dreckigen Wohnung mit Mertens auf der Couch schnarchenden, nach alkoholstinkenden Mutter deutlich macht.

Solch gelungene Schilderungen finden sich in den letzten beiden Kapiteln des Buches leider nicht mehr, was auch an den weniger aufrüttelnden beschriebenen Situationen liegen mag.

Der Roman ist ein Entwicklungsroman über einen jungen Mann. Ich als sich grade entwickelnde, junge und männlich-sozialisierte Person aus –glücklicherweise- einem gesünderen Umfeld als Merten finde die Entwicklung Mertens zwar spannend und fesselnd, allerdings bietet die Geschichte nur begrenzt viele Identifikationsflächen aufgrund der sehr extremen Lebensumstände unter denen Merten sich entwickelt, diese Umstände überschatten auch viele der feinen Änderungen die man in einem Entwicklungsroman genauso erwartet wie große Brüche.

Wollte man das Buch mit einem Gericht vergleichen, um ein dem Inhalt angemessenen Vergleich zu finden, müsste man es mit einer Fleischvorspeise vergleichen: Zu Beginn schmeckt sie wunderbar, doch am Ende fühlt man sich nicht satt und zufrieden. Und als jemand mit einer Abneigung gegen Gewalt, hat man Bauchschmerzen. Bei Frau Scheuermann nicht nur weil Tieren wehgetan oder Tiere ermordet werden, sondern auch wegen unangenehmen Situationen die Merten durchlebt.

Lecker ist die Vorspeise aber trotz alledem.

In diesem Sinne würde ich dem Buch „Wovon wir lebten“ einen Michelin-Sterne, von den drei möglichen, geben.

©2018 SchreibKunst-Blog/ Nicolai Koch (Q4)

Endlich ging das Leben wieder aufwärts für Joseph Karl Lehmert. Er bereute einige Dinge in seinem Leben, aber ganz besonders eines: Vor sieben Jahren hätte er die Chance gehabt, sein ganzes Leben komplett umzukrempeln und besser zu machen, doch sein blödes 21-jähriges Selbst verbockte alles.

Kurz nach seinem 21. Geburtstag traf er einen netten Kerl in einer Bar. Sie saßen am Tresen, tranken Bier und schauten sich einen Zeittriathlon im Fernsehen an. Die Aufgaben in diesem Jahr waren höchst interessant: Eine Historical-Engineering Herausforderung, bei der man eine stabile Monarchie stürzen sollte, mit nichts anderem als Online-Apps. Danach eine Reise 2000 Jahre in die Zukunft, um zu überprüfen, ob die Bevölkerung dieser Zeitlinie noch existierte oder sich ausgelöscht hatte.

Letztlich musste man noch eine Sonde finden, die die Veranstalter in einer unbekannten Zeitlinie versteckt hatten und diese zurückbringen. Wie erwartet gewann Lorren Marshall den Triathlon, welcher mit seiner Glanzleistung in Historical-Engineering und seiner hochmodernen Zeitmaschine Stunden vor der Konkurrenz fertig war. Der Mann drehte sich zu Joseph und flüsterte: "Hey, Junge willst du mal einen Tipp hören? Beim nächsten Triathlon solltest du gut was auf Tamara Kissing setzen."

Tamara war bisher nicht besonders erfolgreich gewesen und lag auch dieses Mal mehrere Stunden hinter dem Durchschnitt und fast einen ganzen Tag hinter Lorren. Jospeh traute dem Mann nicht und fragte ungläubig: "Wieso, bisher war sie nicht besonders gut, warum sollte sie das nächste Mal besser sein?" Der Mann grinste und meinte: "Ich bin Ingenieur bei General Electrics, und ich kann dir garantieren, dass wir eine sehr spezielle Überraschung für sie haben.

Sie ist ein exzellenter Chrononaut und Navigator und mit der Zeitmaschine, die wir für sie entworfen haben, kann sie bis zu 200 Annos pro Stunde zurücklegen!" Joseph starrte den Mann ungläubig an. Endlich fand er seine Worte wieder und fragte zitternd: "200 Annos pro Stunde? Selbst die modernsten Militärmaschinen schaffen gerade mal um die hundert! Das wäre eine wahnsinnige Steigerung!" Der Mann war im Begriff zu gehen und drehte sich noch einmal um, um zu antworten: "Du hast mein Wort, der nächste Triathlon wird alles bisher Gekannte umstoßen! Und bedenke bloß, all das Geld nicht sofort zu verprassen." Der Mann zwinkerte und verließ die Bar.

Joseph konnte es nicht fassen. Dieser Zustand zog sich immer weiter hin, bis er ein halbes Jahr später vor dem Wettbüro stand. Zweifel plagten ihn: Sollte er diesem Fremden vertrauen, den er seitdem nicht mehr gesehen hatte oder sollte er kein Risiko eingehen und es einfach sein lassen? Er ging in das Wettbüro und stand schon am Schalter, als die Zweifel ihn zu sehr verunsicherten und er sich auf der Stelle umdrehte und ging. Zur Überraschung aller gewann Tamara Kissing eine Woche später den Zeittriathlon von Neapel. Wer hätte denn auch damit rechnen können, dass sie eine vollkommen neuartige Zeitmaschine hatte, mit der sie über 200 Annos pro Stunde zurücklegen konnte? An diesem Abend lag Joseph betrunken im Bett und heulte sich in den Schlaf.

Doch er war nicht jemand, der einfach aufgab. Noch am nächsten Tag schmiedete er einen Plan. Nachdem er mehrere Jahre Chrononautik an der Akademie für Zeitwissenschaften in München studiert hatte und seine Zeit dort in einer unbeschreiblich kleinen Wohnung verbracht hatte, war es endlich so weit. Er hatte sich ein wahrhaftiges Stück Freiheit geleistet. Er wohnte zwar immer noch in der kleinsten Wohnung der Welt und ernährte sich zu 60 Prozent von osteurasischen Fertignudeln, aber er war mit dem Studium fertig und begann die erste Phase seines Plans: Der Beschaffung einer eigenen Zeitlinie.

Joseph besetzte monatelang den Zentralrechner der Akademie und sah sich bis zum Umfallen viele Zeitlinien an, wertete Daten aus, stellte Berechnungen an und nahm Messungen vor. Aber egal wie viele Zeitlinien er auch beobachtete, er konnte nie diese eine richtige finden. Er suchte nach einer bestimmten Version dieser Welt, die praktisch bis auf das Haar seiner eigenen glich und sich nur in einem für ihn völlig belanglosen Teil unterschied. Er suchte nach einer zweiten Version von sich selbst: gleiches Aussehen, gleiche Denkweise, gleiche Vergangenheit!

Josephs Plan war eigentlich ganz simpel. Alles was er dazu brauchte, war eine haargleiche Version seiner Welt, die Sportergebnisse der letzten Jahre und etwas schauspielerisches Talent. Die letzten beiden Dinge hatte er schon, aber die Zeitlinie schien sich immer vor ihm zu verstecken. Es gab immer ein Problem, die Zeitlinie war in einem zu wichtigen Punkt anders, stand unter Schutz, oder war ganz einfach schon gekauft.

Doch eines Tages fand er sie endlich. Er hätte vor Freude fast geschrien. Sie war perfekt. Genau so wie seine, mit nur einem Unterschied: seine Eltern hatten ihn in dieser Zeitlinie nicht Joseph Karl Lehmert, sondern Joseph Johann Lehmert genannt. Und das Beste: Sie war noch nicht verkauft. Joseph kaufte kurzerhand die Zeitlinie mit dem wenigen Geld, das er hatte und machte sich für seine Reise ins Glück fertig.

Zwei Monate später stand er im Hangar des BAMZ und inspizierte seine Zeitmaschine, die er lieblich 'B.Z.M Felix I' nannte. Was von außen aussah wie sein alter Carice Mk-V war innen komplett umgebaut. Der Motorraum wurde von einer modernen Batterie mit Kompaktgenerator eingenommen, weshalb auch eine leichte Wölbung in der normalerweise glatten Motorhaube zu erkennen war. Das Dach bestand aus anderen Materialien, um einen faradayschen Käfig aus dem Auto zu machen. Das Herzstück war allerdings unter dem Wagen angebracht, ein Lockheed-Martin TDU-38 Zeitantrieb.

Nicht, dass dieser besonders gut wäre, er brachte gerade mal 5 Annos pro Stunde und konnte auch nicht viel mehr als 2 Tonnen bewegen. Um in ein Land vor unserer Zeit zu reisen, war er nicht unbedingt geeignet, aber für Joseph's Zwecke war er vollkommen ausreichend. Joseph nahm die Felix I und machte sich zum Start bereit. Auf der Plattform war es laut und heiß, aber das war nicht der einzige Grund, warum Joseph ins Schwitzen kam. Nach einer halben Ewigkeit knackte endlich das Radio und eine Stimme schnarrte: "Felix I, Sie sind zum Start autorisiert.

Ihre Rückkehrzeit ist der 21.6.12089 Menschlicher Existenzrechnung um 19:42 und 37 Sekunden." Als ob ich je zurückkomme, dachte er sich, als er den Sicherungsmechanismus löste und den Starthebel ganz durchdrückte. Der Generator heulte auf und das ganze Auto begann zu summen und zu vibrieren bis die Außenwelt dunkel wurde, letztendlich komplett verschwand und Joseph in der absoluten Dunkelheit des Nullraums zurückließ.

Nun bereitete er sich auf die Ausführung der zweiten Phase des Plans vor, er verkleidete sich, um dann an dem Abend, an dem er den besten Tipp der Welt ignoriert hatte, einige Dinge zu verbessern. Danach würde er in die Zukunft dieser Zeitlinie reisen und dort sein alternatives Ich ersetzen, welches die Wette eingereicht und einen Riesenhaufen Geld gewonnen hatte. Ein perfekter Plan. Joseph setzte gerade das Maskierungsset ein, das er mitgebracht hatte, damit ihn sein Doppelgänger nicht erkennen konnte, als auch schon ein Signal durch den Wagen tönte und die baldige Ankunft verkündete. Ein leichtes Grinsen legte sich auf Josephs Wangen, die zweite Phase war fast eingeleitet.

Zwei Stunden später stand er vor einer Bar, die ihm nur allzu gut bekannt war, obwohl er sie technisch noch nie zuvor gesehen hatte. Drinnen saß ein junger Mann, den Joseph sonst nur aus dem Spiegel kannte. Nervös betrachtete er seine Uhr, eigentlich sollte der Mann von General Electrics jeden Moment hier, wenn nicht sogar schon längst in der Bar sein. Ganz ruhig, dachte er sich, ich warte noch zehn Minuten, bis dann muss der Kerl ja mal auftauchen. Er tauchte nicht auf. Zehn Minuten später stand Joseph total nervös vor dem Lokal und war von Zweifeln gepackt. Existierte der Mann überhaupt hier?

Gab es vielleicht einen Unterschied zu Josephs originaler Zeitlinie, die er nicht beachtet hatte? Schmerzhaft schlichen die Minuten dahin, mit jeder wurde Joseph banger. Am Ende hatte er den schlimmsten Gedanken überhaupt: Was, wenn meine Anwesenheit hier die Zeitlinie verändert hat? Wenn ich etwas nicht bedacht habe und der Mann nicht kommt, weil ich an der Bar stehe? Vielleicht habe ich mit meinem Wagen aus Versehen eine Verzögerung kreiert, egal wie klein, die ihn davon abhält, herzukommen?!

Joseph riss sich am Riemen und traf eine Entscheidung. Wenn der General Electrics Mann nicht kam, musste Joseph eben selbst seinen Doppelgänger dazu bringen, die Wette einzureichen.

Er beruhigte sich selbst, konzentrierte sich und betrat dann vollkommen gelassen die Bar.

Joseph ging zum Tresen, wo sein Doppelgänger entspannt ein Bier trank und den Zeittriathlon von Kapstadt im Fernsehen beobachtete. Joseph trat an den Tresen und fragte: "Junger Mann, ist hier noch ein Platz frei?" Sein junges Spiegelbild drehte sich um und nickte: "Ja klar, setzen sie sich." Joseph atmete durch und bestellte sich ebenfalls ein Bier. "Ah, der Zeittriathlon von Kapstadt," brummte er, "wer, denkst du, wird gewinnen? Ich tippe ja auf Marshall, der hat bisher auch nicht enttäuscht." Der junge Joseph seufzte und antwortete: "Ja, wahrscheinlich, zu schade auch, ich würde gerne mal etwas von den Neuzugängen sehen. Wenigstens ein bisschen Abwechslung dann und wann wäre doch mal nett. Aber wir sehen die Ergebnisse ja in drei Minuten."

Sie tranken beide einen Schluck Bier, bevor Joseph sich mit gelangweiltem Ton beschwerte: "Der kann sich halt all die gute Ausrüstung leisten mit seiner Kohle." Er unterschlug zwar, dass Lorren Marshall ein genialer Historical-Engineer war, aber er hatte sein junges Ich zu einem Gespräch motiviert. Die beiden diskutierten freundlich den Rest des Abends, bis Joseph beschloss, dass es Zeit zu gehen war, um die Zeitlinie nicht zu lange mit seiner Existenz zu verändern.

Er drehte sich zum jungen Joseph um und flüsterte: "Hey Junge, willst du mal einen Tipp hören? Beim nächsten Triathlon solltest du gut was auf Tamara Kissing setzen." Der junge Joseph reagierte ungläubig: "Wieso, bisher war sie nicht besonders gut, warum sollte sie das nächste Mal besser sein?" Joseph grinste und log: Ich bin Ingenieur bei General Electrics, und ich kann dir garantieren, dass wir eine sehr spezielle Überraschung für sie haben. Sie ist ein exzellenter Chrononaut und Navigator und mit der Zeitmaschine, die wir für sie entworfen haben, kann sie bis zu 200 Annos pro Stunde zurücklegen!"

Der junge Joseph saß ungläubig da, während Joseph sich zum Gehen aufmachte. Sein junges Ich fragte ihn noch einmal ungläubig und Joseph antwortete: "Du hast mein Wort, der nächste Triathlon wird alles bisher Gekannte umwerfen!" Er wollte schon gehen, als er eben schnell noch eine fixe Idee hatte. Er musste sicherstellen, dass das Geld auch noch da war, wenn er wieder kommen würde. Darum warf er schnell noch ein: " Und bedenke bloß all das Geld nicht sofort zu verprassen." Er zwinkerte und ging. Sein Plan war fast fertig. Jetzt musste er nur noch in die Zukunft dieser Zeitlinie und er wäre für immer glücklich und zufrieden.

Endlich ging das Leben wieder aufwärts für Joseph Johann Lehmert. Er bereute einige Dinge in seinem Leben, aber ganz besonders eines: Vor sieben Jahren hätte er die Chance gehabt, sein ganzes Leben komplett umzukrempeln und besser zu machen, doch sein blödes einundzwanzigjähriges Selbst verbockte alles. Hätte er doch nur damals auf den Kerl von General Electrics gehört. Aber jetzt hatte er einen Plan, er würde zu dem Abend zurückkehren und einige Dinge richtigstellen. Er hatte eine Zeitlinie gekauft, die genau so war, wie seine. Nur dass seine Eltern ihn dort Joseph Karl Lehmert genannt hatten.

©2018 SchreibKunst-Blog/ Julius Emmeluth (Q4)