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Erlösung – 1. Platz

D´Arumo hatte es satt. Er hatte es alles satt.

Er hatte es satt, seit hunderten von Jahren sein Leben in den Schatten der Welt fristen zu müssen. Er hatte es satt, einmal im Monat einen Unschuldigen leerzutrinken, nur um am Leben bleiben zu können, nur weil der Rausch ihn dazu zwang. Er hatte es satt, nicht unentwegt die Kontrolle über sich zu haben. Er hatte genug von diesem Leben. Und er wünschte sich nichts sehnlicher als die Erlösung von diesem ewigen Leid.

Der Morgen nahte.

Gegen die Dämmerung, die sich bereits als schmaler Streifen am Horizont zeigte, hoben sich die Silhouetten der Häuser des abgelegenen Dorfes unscharf ab. Trotz des Zwielichts konnte D´Arumo dank seiner geschärften Augen die Umgebung genauestens wahrnehmen: Die wenigen Häuser, die den Platz, in dessen Mitte er sich befand, umringten; die Äcker und Stallungen, die sich dahinter auf dem weitläufigen Brachland erhoben; die zu dieser späten Stunde wie leergefegte Straße, die vor ihm begann und geradewegs in Richtung Sonnenaufgang führte.

Auch erkannte er im Augenwinkel die schemenhaften Gestalten einiger Bewohner dieses kleinen Dorfes. Eine Handvoll Menschen, die wohl besonders früh aufgestanden waren, um ihren Aufgaben – das Bestellen der Felder und die Versorgung des Viehs – nachzugehen, sowie auch ein paar Vampire, die sich in den Schatten der Häuser verbargen. D´Arumo wusste von ihrer Anwesenheit, weil er die Angst der Menschen riechen konnte, die diese in der Gegenwart von Vampiren immer überkam, weil die nicht wissen konnten, wann wieder der Zeitpunkt gekommen war, an dem das gewöhnliche Essen den Hunger der Vampire nicht mehr zu stillen vermochte und sie das Blut eines Menschen brauchten, um am Leben zu bleiben.

Am Ende waren die Menschen doch stets nur Essen, deren Zeit auf der Welt unbestimmt kurz war, während das Leben eines Vampirs niemals selbst endete, jedoch vielen Menschen das ihre kostete.

D´Arumo spürte die Blicke seiner Bekannten auf sich ruhen, die er hätte Freunde nennen müssen nach all der Zeit, die er mit ihnen verbracht hatte. Seine wirklichen Freunde hatte er zurücklassen müssen – schon vor hunderten von Jahren.

Zeit heilte nicht jede Wunde.

Er erinnerte sich gut an die Frau, die er geliebt hatte. Er hatte alles an ihr geliebt – ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Stimme. Doch auch sie hatte er zurücklassen müssen, wegen dieses verdammten Fluchs, der sein Leben für immer verändert hatte.

Nachdem man ihn ohne seine Einwilligung zum Vampir gemacht hatte, hatte man ihn fortgebracht und unter Beobachtung gestellt. Man hatte ihn mit anderen zusammengebracht, die sein Schicksal teilten, sie aufs Land ausgesiedelt und weiter überwacht. Irgendwann, nach etlichen Jahren, waren ihre Beobachter verschwunden. Einfach so. Spurlos. Ohne sie darüber aufzuklären, was mit diesem Experiment auf sich gehabt hatte. Als seien sie plötzlich wertlos geworden. Vielleicht aber war auch einfach so viel Zeit vergangen, dass die, die an der Studie interessiert gewesen waren, ihre Zuständigkeit verloren hatten. Seitdem suchten D´Arumo und seine Gefährten in den abgelegenen Gegenden des Landes Orte, an denen es sich bequem leben ließ.

Doch ihr Glück hatten sie dabei nie gefunden.

Wenn D´Arumo an seine frühe Liebe zurückdachte, wurde er sich seiner gequälten Existenz umso bewusster. Seit er ein Vampir geworden war, spürte er kaum mehr etwas – keinen Schmerz, keinen Zorn, keine Liebe, kein Glück. Selbst seine Erinnerungen an das Leben davor hatten den Großteil der mit ihnen verbundenen Gefühle eingebüßt, sodass sie nun wie unter einer dicken Schicht Sand begraben schienen. Dennoch war seine menschliche Seite nicht völlig tot – und diese ertrug sein freudloses Dasein nicht länger.

D´Arumo holte tief Luft und rüttelte kräftig an dem Seil, mit dem er seinen Brustkorb am Mast in der Mitte des Dorfplatzes gefesselt hatte. Es gab keinen Millimeter nach. Nun versuchte er mit aller Kraft, seine Arme aus den Schlingen zu ziehen. Es gelang ihm nicht.

Der Ausdruck von Genugtuung schlich sich in sein Gesicht. Er saß hier fest. Es hatte zwar monatelange Übung gebraucht, bis er rausgefunden hatte, wie er sich selbst bewegungsunfähig machen konnte, aber es hatte sich gelohnt. Aus eigener Kraft würde er sich nicht befreien können.

Und das war gut so.

Denn D´Arumo wusste, dass, sobald es unmissverständlich klarwerden würde, dass er sterben würde, sein Körper sich dagegen wehren und sich zu retten versuchen würde. Diesen verdammten Überlebenswillen hatte er über all die Jahre voller Selbstmordgedanken niemals ablegen können.

Er hätte nicht den Mut gehabt, eine präparierte Pistole abzudrücken. Er hätte nicht den Mut gehabt, sich einen Holzpflock ins eigene Herz zu rammen. Und er hätte es auch nicht über sich gebracht, einen anderen dazu zu überreden, es an seiner statt zu tun. Darum war das seine einzige Möglichkeit, sein Leben zu beenden: Gefesselt und ohne Möglichkeit auf Entkommen.

Jeder Vampir war sich selbst am wichtigsten und keiner traute sich, bei dem unmittelbar bevorstehenden Sonnenaufgang zu versuchen, die Stricke zu lösen und sich anschließend noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. D´Arumo war das nur recht. Er wollte nicht gerettet werden. Er hatte viele Fehler in seinem Leben gemacht und unzähligen Menschen Leid gebracht. Er war froh, wenn das endlich vorbei war.

Höchstens noch eine Minute, bis die Morgensonne das Dorf erhellen würde.

Schritte eilten auf D´Arumo zu. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam, da hatte ihn der Junge bereits umarmt. Malik, der Junge, um den er sich in letzter Zeit mehr oder weniger gekümmert hatte, vergrub seinen Kopf in D´Arumos Bauch und begann zu schluchzen.

„Was tust du hier?“, fragte D´Arumo verständnislos. „Los, verschwinde, bring dich in Sicherheit! Oder willst du hier und jetzt sterben?“

Der Junge hob sein Gesicht und sah den älteren an. In seinen Augen funkelten Leid und Schmerz, als er klagte: „Ich hätte schon lange tot sein sollen. Ich hätte mit meiner Familie sterben sollen!“

D´Arumo konnte ihm nicht widersprechen. Denn er hatte ja recht. Unsterblichkeit war unnatürlich – es war ein Fluch! Ewiges Leben war nicht wünschenswert – nicht bei dem, was es kostete.

Aber D´Arumo musste sich darüber keine Sorgen mehr machen. Seines würde ohnehin jeden Moment vergangen sein. Und das war gut so.

Er schloss die Augen und lächelte den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen entgegen.

©2018 SchreibKunst-Blog/ Larissa Birkel (Q4)

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