{"id":913,"date":"2018-05-26T17:30:02","date_gmt":"2018-05-26T15:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=913"},"modified":"2018-05-26T17:16:27","modified_gmt":"2018-05-26T15:16:27","slug":"die-hoffnung-auf-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/die-hoffnung-auf-morgen\/","title":{"rendered":"Die Hoffnung auf Morgen"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein sonniger Tag in meinem Heimatort Homs. Ich kam aus der Schule nach Hause und freute mich darauf, mit meinen Freunden Fu\u00dfballspielen zu gehen. Wir hatten uns verabredet und so beeilte ich mich, mit meinen Eltern und Geschwistern zu Mittag zu essen. Mit meinen drei Br\u00fcdern und zwei Schwestern sind wir eine ziemlich gro\u00dfe Familie, auch f\u00fcr syrische Verh\u00e4ltnisse. Ich bin der j\u00fcngste Sohn, meine beiden Schwestern sind aber noch j\u00fcnger als ich. Beim Essen unterhielten wir uns \u00fcber das morgige Hochzeitsfest meines \u00e4ltesten Bruders. Wir planten die Feier und \u00fcberlegten, wie der Ablauf sein w\u00fcrde. Nach dem Essen schnappte ich meinen Ball und machte mich auf den Weg zum nahe gelegenen Bolzplatz. Pl\u00f6tzlich wurde ich wach. Das konnte nicht echt sein, das war mir klar, es war nur ein Traum. Langsam sortierte ich meine Gedanken und \u00fcberlegte, wo ich mich befand und was gerade passiert war. Ich war in Deutschland und nicht zu Hause in Syrien. Ich musste eingeschlafen sein.<\/p>\n<p>Seit dem Hochzeitsfest meines Bruders vor vielen Jahren hat sich in meiner Heimat Homs viel ver\u00e4ndert. Syrien ist im Krieg, Homs war zum Zeitpunkt meiner Flucht zerst\u00f6rt und wir hatten t\u00e4glich Angst um unser Leben. An das Morgen dachte keiner. Das Schwierigste an der Flucht aus Syrien war der Abschied von meiner Familie. Aber ich wei\u00df, dass sie nur das Beste f\u00fcr mich wollten. Mit einer Gruppe anderer Fl\u00fcchtlinge bin ich dann \u00fcber eine unwegsame und tagelang dauernde Route nach Deutschland gelangt. Das ist jetzt ungef\u00e4hr ein Jahr her. Die erste Fl\u00fcchtlingsunterkunft war \u00fcberf\u00fcllt, mein Zimmer war klein und nichts erinnerte mich an unser Haus in Syrien.Alles war fremd und mir v\u00f6llig unbekannt. Dennoch war ich aber nach all den Wochen der Flucht gl\u00fccklich, ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben.<\/p>\n<p>Im Laufe der Flucht habe ich gemerkt, wie sich meine W\u00fcnsche und Hoffnungen ver\u00e4ndert haben. In Syrien war mein sehnlichster Wunsch, dass der Krieg aufh\u00f6rt. Zu Beginn der Flucht hatte ich noch die Hoffnung, dass meine Eltern und Geschwister nachkommen. Sp\u00e4ter sah ich ein, dass das unm\u00f6glich ist. Ich bangte t\u00e4glich darum, dass ich \u00fcberlebe und nach Deutschland in Sicherheit komme. Schlie\u00dflich blieb mir nur noch die Hoffnung, dass Morgen alles besser werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es war kalt in Deutschland, nass und regnerisch, wie es wohl f\u00fcr einen Dezembertag \u00fcblich ist. Trotzdem war heute ein sehr sch\u00f6ner und wichtiger Tag f\u00fcr mich. Endlich konnte ich in den lang ersehnten Deutschkurs gehen. Eigentlich hat es ganz gut geklappt. Aber es war ja auch erst der erste Tag. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, mache mir aber auch Sorgen, dass ich es nicht schaffe. Jedenfalls muss ich irgendwie Deutsch lernen. Andernfalls werde ich nie hier arbeiten und mich zurechtfinden k\u00f6nnen. W\u00e4ren meine Eltern und Geschwister hier, w\u00e4re das sicher einfacher. Aber sie sind nicht hier. Ich bin getrennt von ihnen. Seit einem Jahr schon. Jeden Tag frage ich mich, wie es ihnen geht. Und ich w\u00fcnsche mir, sie bald wiederzusehen. Aber so einfach wird das nicht. Denn ich bin in Deutschland \u2013 und sie in Syrien und noch immer ist dort Krieg.<\/p>\n<p>Mit der Flucht habe ich praktisch alles verloren: meine Familie, meine Freunde und mein zu Hause, alles ist weg. Heute habe ich immerhin eine gute Unterkunft und bin sicher vor dem Krieg. F\u00fcr die Zukunft habe ich noch viele W\u00fcnsche und Ziele. Mein gr\u00f6\u00dftes Ziel ist es, sp\u00e4ter hier arbeiten zu k\u00f6nnen und eine Wohnung zu besitzen. Au\u00dferdem m\u00f6chte ich das Autofahren lernen. Meine gr\u00f6\u00dfte Hoffnung ist es aber, meine Familie wiederzusehen. Ich hoffe, es geht ihnen gut. Wie gerne w\u00e4re ich jetzt in meinem Traum und wir k\u00f6nnten morgen das Hochzeitsfest meines Bruders feiern.<\/p>\n<p>Aber jetzt muss ich es erst einmal hier schaffen. Morgen gehe ich wieder in den Deutschkurs.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Yann Hendrickx (8f)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein sonniger Tag in meinem Heimatort Homs. 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