{"id":833,"date":"2018-05-24T00:00:53","date_gmt":"2018-05-23T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=833"},"modified":"2018-05-25T16:56:07","modified_gmt":"2018-05-25T14:56:07","slug":"maylas-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/maylas-morgen\/","title":{"rendered":"MAYLAS MORGEN &#8211; 3. Platz"},"content":{"rendered":"<p>Morgen:<br \/>\nMorgen. Jeder Tag beginnt mit einem neuen Morgen. Und immer ist es irgendwo Morgen. Die Sonne geht auf, die V\u00f6gel erwachen zum Leben und in den St\u00e4dten erwachen die Menschen. Auch in der Zukunft wird es einen Morgen geben. Einen Morgen im Morgen. Doch wann f\u00e4ngt dieses Morgen an? N\u00e4chste Woche, n\u00e4chstes Jahr, in wenigen Stunden? Gibt es ein bestimmtes Ereignis, dass dieses Morgen markiert?  Jeder stellt sich irgendwann die Frage ob er dieses Morgen noch erlebt.<\/p>\n<p>Maylas Morgen:<br \/>\nF\u00fcr mich steht mein \u201eMorgen\u201c fest. Es ist vor zwei Jahren eingetreten. Vorher kannte ich nur ein Leben im Krieg. Seit ich denken konnte gab es nichts Anderes. Mitten in der Nacht aufstehen und sich im Keller verstecken, einst\u00fcrzende Geb\u00e4ude, Schreie von sterbenden Menschen, lauter Kampfesl\u00e4rm, das Klagen von Angeh\u00f6rigen und bei jeder Nachricht diese Angst, die Angst, dass es f\u00fcr jemanden aus meiner Familie zu sp\u00e4t war. Meine Mutter und ich wohnten in den Tr\u00fcmmern unseres Hauses. Ich war nachts pl\u00f6tzlich von einem lauten Knall geweckt worden und meine Mutter und ich \u00fcberlebten nur, weil wir unsere Wohnung eine Woche zuvor in den Keller verlegt hatten. Wie viele unserer Nachbarn umgekommen waren wusste ich nicht. Ich wollte es auch gar nicht wissen. Wer die Bomben geworfen hatte wusste ich auch nicht, ich hatte den \u00dcberblick verloren, wer hier \u00fcberhaupt gegen wen k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Jeder Morgen startete f\u00fcr mich gleich. Ich lief zu unserem Briefkasten, den wir notd\u00fcrftig aus Brettern gezimmert hatten und jedes Mal erwartete ich den Brief, der mich und meine Mutter \u00fcber den Tod meines Vatersinformieren w\u00fcrde. Dieser Briefkasten wurde f\u00fcr mich zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens und jeden Morgen zu einer neuen Probe. Schlie\u00dflich erfuhren wir nicht durch einen Brief, sondern durch unsere Nachbarn von seinem Tod. F\u00fcr mich war es, als w\u00fcrde eine Welt einbrechen. Mein Vater, den ich \u00fcber alles geliebt hatte, sollte einfach weg sein? Nicht mehr wiederkommen? Doch Zeit zum Trauern fanden wir nicht, da meine Mutter sich zwei Wochen vorher dazu entschlossen hatte, einen Schlepper f\u00fcr uns zu bezahlen. Unsere ganzen Haushaltsgegenst\u00e4nde gingen als Bezahlungsmittel an den Mann, der uns den Platz auf dem Schiff verschaffte. Den Mann selbst traf ich erst, als unser Schiff in See stach. Er war gro\u00df. Seine Augen sa\u00dfen klein und gl\u00e4nzend in seinem fetten Gesicht. Sein Bauch quoll unter dem schmutzigen, wei\u00dfen T-Shirt hervor und beim L\u00e4cheln zeigten sich gelbe Z\u00e4hne hinter den schmalen Lippen. Er war unrasiert und stank nach Rauch. Normalerweise h\u00e4tte ich ihm niemals vertraut, aber unter diesen Umst\u00e4nden war er unsere einzige Hoffnung. Grinsend nahm er meiner Mutter den Schl\u00fcssel zu unserer Wohnung ab, die bis jetzt unser einziger Schutz gewesen war und f\u00fchrte uns den Steg entlang zu dem morschen Boot.<\/p>\n<p>Von der Seite des Boots br\u00f6ckelte die Farbe ab. Der Name war schon nicht mehr zu erkennen. Er hatte sich aufgel\u00f6st. Und mit ihm meine Hoffnung. Wir w\u00fcrden ertrinken, wir w\u00fcrden es nicht schaffen. Ich blieb mitten auf dem Steg stehen, aber meine Mutter zog mich weiter. Das Boot schwankte unter unseren Schritten, Bohlen knirschten, knarrten und knackten. Wir setzten uns neben die anderen Leute auf die Bank und der Mann reichte mir eine Schwimmweste. \u201eIch mag dich kleines M\u00e4dchen\u201c, lispelte er. \u201eDu sollst sicher sein.\u201c Dann stieg er vom Boot und stie\u00df uns vom Steg ab. Langsam trieben wir aufs Meer hinaus. Einer der M\u00e4nner, die auf dem Boot waren, startete den Motor und das Boot tuckerte los. Es m\u00fchte sich ab mit der Last der Menschen.<\/p>\n<p>Hinter uns wurde das Land kleiner, bis es ganz verschwand. Mitten auf dem Meer brach die Nacht herein. Ich rollte mich auf dem Boot zusammen, doch schlafen konnte ich nicht. Mehrere Tage trieben wir auf dem Meer hin, da unser Motor bereits in der ersten Nacht schlappgemacht hatte. Meine Kehle war trocken und ausgedorrt, die Sonne brannte auf uns nieder. Und dann passierte es. Das Boot sank. Ganz langsam bahnte sich das Wasser seinen Weg durch den Boden, quoll durch die Ritzen in das Boot. Bald waren meine Socken durchn\u00e4sst. Panisch klammerte ich mich an meine Mutter. Wir waren geliefert! Werder sie noch ich konnte schwimmen.<\/p>\n<p>Was danach passierte wei\u00df ich nicht mehr. Das N\u00e4chste, an das ich mich erinnere, sind die Rettungsringe des Schiffs, das mich rettete. Sie hatten mich aus dem Wasser gefischt. Die einzige \u00dcberlebende von allen. Meine Mutter, die Kinder alle waren sie weg. Doch das realisierte ich erst einige Stunden sp\u00e4ter. Die Tr\u00e4nen \u00fcberfluteten mich. Bis heute tr\u00e4ume ich noch von der \u00dcberfahrt. Nach zwei Tagen auf dem Rettungsschiff ging ich endlich wieder an Land, hatte festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich wurde bald nach Deutschland geschickt. Flog mit einem Flugzeug. Ich hatte das geschafft von dem wir immer getr\u00e4umt hatten. Ich hatte wieder eine Chance auf ein Leben. Und obwohl ich alleine war, obwohl der Verlust schmerzte, obwohl ich alles verloren hatte, war ich erleichtert. Ich f\u00fchlte mich sicher, ich war alleine, ich hatte alles verloren und ich waer erleichtert. Ich war total verwirrt. Jetzt \u2013heute- zwei Jahre nach dieser Flucht, zwei Jahre nach dem Neuanfang bekam ich den Brief. Ich bin endlich anerkannt. Nicht mehr illegal. Ich werde hier meinen Schulabschluss machen d\u00fcrfen. Ich werde studieren k\u00f6nnen, einen Beruf erlernen. Ich bin in Sicherheit. Ich habe es geschafft. Endlich ist der Blick auf \u201eMorgen\u201c nicht mehr versperrt. Der Nebel hat sich gel\u00f6st und gibt mir den Weg frei in meine Zukunft, meine sichere Zukunft. Und das Gestern wird f\u00fcr immer in meinem Herzen sein. <\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Anna Pauline Gutzeit (8a)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen: Morgen. Jeder Tag beginnt mit einem neuen Morgen. Und immer ist es irgendwo Morgen. 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