{"id":825,"date":"2018-05-24T00:00:47","date_gmt":"2018-05-23T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=825"},"modified":"2018-05-25T16:58:12","modified_gmt":"2018-05-25T14:58:12","slug":"erloesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/erloesung\/","title":{"rendered":"Erl\u00f6sung &#8211; 1. Platz"},"content":{"rendered":"<p>D\u00b4Arumo hatte es satt. Er hatte es alles satt. <\/p>\n<p>Er hatte es satt, seit hunderten von Jahren sein Leben in den Schatten der Welt fristen zu m\u00fcssen. Er hatte es satt, einmal im Monat einen Unschuldigen leerzutrinken, nur um am Leben bleiben zu k\u00f6nnen, nur weil der Rausch ihn dazu zwang. Er hatte es satt, nicht unentwegt die Kontrolle \u00fcber sich zu haben. Er hatte genug von diesem Leben. Und er w\u00fcnschte sich nichts sehnlicher als die Erl\u00f6sung von diesem ewigen Leid.<\/p>\n<p>Der Morgen nahte.<\/p>\n<p>Gegen die D\u00e4mmerung, die sich bereits als schmaler Streifen am Horizont zeigte, hoben sich die Silhouetten der H\u00e4user des abgelegenen Dorfes unscharf ab. Trotz des Zwielichts konnte D\u00b4Arumo dank seiner gesch\u00e4rften Augen die Umgebung genauestens wahrnehmen: Die wenigen H\u00e4user, die den Platz, in dessen Mitte er sich befand, umringten; die \u00c4cker und Stallungen, die sich dahinter auf dem weitl\u00e4ufigen Brachland erhoben; die zu dieser sp\u00e4ten Stunde wie leergefegte Stra\u00dfe, die vor ihm begann und geradewegs in Richtung Sonnenaufgang f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Auch erkannte er im Augenwinkel die schemenhaften Gestalten einiger Bewohner dieses kleinen Dorfes. Eine Handvoll Menschen, die wohl besonders fr\u00fch aufgestanden waren, um ihren Aufgaben \u2013 das Bestellen der Felder und die Versorgung des Viehs \u2013 nachzugehen, sowie auch ein paar Vampire, die sich in den Schatten der H\u00e4user verbargen. D\u00b4Arumo wusste von ihrer Anwesenheit, weil er die Angst der Menschen riechen konnte, die diese in der Gegenwart von Vampiren immer \u00fcberkam, weil die nicht wissen konnten, wann wieder der Zeitpunkt gekommen war, an dem das gew\u00f6hnliche Essen den Hunger der Vampire nicht mehr zu stillen vermochte und sie das Blut eines Menschen brauchten, um am Leben zu bleiben.<\/p>\n<p>Am Ende waren die Menschen doch stets nur Essen, deren Zeit auf der Welt unbestimmt kurz war, w\u00e4hrend das Leben eines Vampirs niemals selbst endete, jedoch vielen Menschen das ihre kostete.<\/p>\n<p>D\u00b4Arumo sp\u00fcrte die Blicke seiner Bekannten auf sich ruhen, die er h\u00e4tte Freunde nennen m\u00fcssen nach all der Zeit, die er mit ihnen verbracht hatte. Seine wirklichen Freunde hatte er zur\u00fccklassen m\u00fcssen \u2013 schon vor hunderten von Jahren.<\/p>\n<p>Zeit heilte nicht jede Wunde.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich gut an die Frau, die er geliebt hatte. Er hatte alles an ihr geliebt \u2013 ihre Augen, ihr L\u00e4cheln, ihre Stimme. Doch auch sie hatte er zur\u00fccklassen m\u00fcssen, wegen dieses verdammten Fluchs, der sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert hatte.<\/p>\n<p>Nachdem man ihn ohne seine Einwilligung zum Vampir gemacht hatte, hatte man ihn fortgebracht und unter Beobachtung gestellt. Man hatte ihn mit anderen zusammengebracht, die sein Schicksal teilten, sie aufs Land ausgesiedelt und weiter \u00fcberwacht. Irgendwann, nach etlichen Jahren, waren ihre Beobachter verschwunden. Einfach so. Spurlos. Ohne sie dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, was mit diesem Experiment auf sich gehabt hatte. Als seien sie pl\u00f6tzlich wertlos geworden. Vielleicht aber war auch einfach so viel Zeit vergangen, dass die, die an der Studie interessiert gewesen waren, ihre Zust\u00e4ndigkeit verloren hatten. Seitdem suchten D\u00b4Arumo und seine Gef\u00e4hrten in den abgelegenen Gegenden des Landes Orte, an denen es sich bequem leben lie\u00df.<\/p>\n<p>Doch ihr Gl\u00fcck hatten sie dabei nie gefunden.<\/p>\n<p>Wenn D\u00b4Arumo an seine fr\u00fche Liebe zur\u00fcckdachte, wurde er sich seiner gequ\u00e4lten Existenz umso bewusster. Seit er ein Vampir geworden war, sp\u00fcrte er kaum mehr etwas \u2013 keinen Schmerz, keinen Zorn, keine Liebe, kein Gl\u00fcck. Selbst seine Erinnerungen an das Leben davor hatten den Gro\u00dfteil der mit ihnen verbundenen Gef\u00fchle eingeb\u00fc\u00dft, sodass sie nun wie unter einer dicken Schicht Sand begraben schienen. Dennoch war seine menschliche Seite nicht v\u00f6llig tot \u2013 und diese ertrug sein freudloses Dasein nicht l\u00e4nger.<\/p>\n<p>D\u00b4Arumo holte tief Luft und r\u00fcttelte kr\u00e4ftig an dem Seil, mit dem er seinen Brustkorb am Mast in der Mitte des Dorfplatzes gefesselt hatte. Es gab keinen Millimeter nach. Nun versuchte er mit aller Kraft, seine Arme aus den Schlingen zu ziehen. Es gelang ihm nicht.<\/p>\n<p>Der Ausdruck von Genugtuung schlich sich in sein Gesicht. Er sa\u00df hier fest. Es hatte zwar monatelange \u00dcbung gebraucht, bis er rausgefunden hatte, wie er sich selbst bewegungsunf\u00e4hig machen konnte, aber es hatte sich gelohnt. Aus eigener Kraft w\u00fcrde er sich nicht befreien k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und das war gut so.<\/p>\n<p>Denn D\u00b4Arumo wusste, dass, sobald es unmissverst\u00e4ndlich klarwerden w\u00fcrde, dass er sterben w\u00fcrde, sein K\u00f6rper sich dagegen wehren und sich zu retten versuchen w\u00fcrde. Diesen verdammten \u00dcberlebenswillen hatte er \u00fcber all die Jahre voller Selbstmordgedanken niemals ablegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte nicht den Mut gehabt, eine pr\u00e4parierte Pistole abzudr\u00fccken. Er h\u00e4tte nicht den Mut gehabt, sich einen Holzpflock ins eigene Herz zu rammen. Und er h\u00e4tte es auch nicht \u00fcber sich gebracht, einen anderen dazu zu \u00fcberreden, es an seiner statt zu tun. Darum war das seine einzige M\u00f6glichkeit, sein Leben zu beenden: Gefesselt und ohne M\u00f6glichkeit auf Entkommen.<\/p>\n<p>Jeder Vampir war sich selbst am wichtigsten und keiner traute sich, bei dem unmittelbar bevorstehenden Sonnenaufgang zu versuchen, die Stricke zu l\u00f6sen und sich anschlie\u00dfend noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. D\u00b4Arumo war das nur recht. Er wollte nicht gerettet werden. Er hatte viele Fehler in seinem Leben gemacht und unz\u00e4hligen Menschen Leid gebracht. Er war froh, wenn das endlich vorbei war.<\/p>\n<p>H\u00f6chstens noch eine Minute, bis die Morgensonne das Dorf erhellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Schritte eilten auf D\u00b4Arumo zu. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der das Ger\u00e4usch kam, da hatte ihn der Junge bereits umarmt. Malik, der Junge, um den er sich in letzter Zeit mehr oder weniger gek\u00fcmmert hatte, vergrub seinen Kopf in D\u00b4Arumos Bauch und begann zu schluchzen.<\/p>\n<p>\u201eWas tust du hier?\u201c, fragte D\u00b4Arumo verst\u00e4ndnislos. \u201eLos, verschwinde, bring dich in Sicherheit! Oder willst du hier und jetzt sterben?\u201c<\/p>\n<p>Der Junge hob sein Gesicht und sah den \u00e4lteren an. In seinen Augen funkelten Leid und Schmerz, als er klagte: \u201eIch h\u00e4tte schon lange tot sein sollen. Ich h\u00e4tte mit meiner Familie sterben sollen!\u201c<\/p>\n<p>D\u00b4Arumo konnte ihm nicht widersprechen. Denn er hatte ja recht. Unsterblichkeit war unnat\u00fcrlich \u2013 es war ein Fluch! Ewiges Leben war nicht w\u00fcnschenswert \u2013 nicht bei dem, was es kostete.<\/p>\n<p>Aber D\u00b4Arumo musste sich dar\u00fcber keine Sorgen mehr machen. Seines w\u00fcrde ohnehin jeden Moment vergangen sein. Und das war gut so.<\/p>\n<p>Er schloss die Augen und l\u00e4chelte den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen entgegen.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Larissa Birkel (Q4)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00b4Arumo hatte es satt. Er hatte es alles satt. Er hatte es satt, seit hunderten von Jahren sein Leben in den Schatten der Welt fristen zu m\u00fcssen. Er hatte es satt, einmal im Monat einen Unschuldigen leerzutrinken, nur um am Leben bleiben zu k\u00f6nnen, nur weil der Rausch ihn dazu zwang. Er hatte es satt, <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/erloesung\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Erl\u00f6sung &#8211; 1. 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