{"id":639,"date":"2017-04-20T00:00:41","date_gmt":"2017-04-19T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=639"},"modified":"2017-04-19T19:19:07","modified_gmt":"2017-04-19T17:19:07","slug":"geschichte-ihrversprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/geschichte-ihrversprechen\/","title":{"rendered":"Geschichte &#8222;Ihr Versprechen&#8220;"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align:center\"><span style=\"color:rgb(0, 255, 0); font-size=\"22\">\"Ihr Versprechen\"<\/div>\n<p><\/span><br \/><span style=\"font-family=\"Times New Roman\"><br \/>\nMorgen werde ich sterben.<br \/>\nSo hat es meine Schwester gesagt und so wird es auch sein. Sie hat es mir ins Ohr gefl\u00fcstert, ohne zu wissen, dass ich sie h\u00f6ren kann.<\/p>\n<p>Meine Schwester und ich hatten viel geredet. Dar\u00fcber, was wir sp\u00e4ter machen wollen und was wir mitunserem Leben anfangen. Und auch dar\u00fcber, was wir machen w\u00fcrden, wenn einer von uns todkrank w\u00e4re.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt waren wir uns einig, dass wir einander helfen<br \/> w\u00fcrden. Doch dass es wirklich so kommen konnte, h\u00e4tte niemand von uns gedacht.<br \/>\nIch mochte meine Schwester sehr. Und auch sonst war mein Leben total in Ordnung. Ich hatte viele Freunde und nette Eltern, die mir immer zur Seite standen und mit denen ich mich sehr gut verstanden hatte. Doch dieser eine Tag \u00e4nderte mein ganzes Leben.<br \/>\nWie so oft ist unsere Familie an den kleinen See nahe unseres Hauses gefahren. Was genau wir dort gemacht haben, wei\u00df ich nicht mehr. Und auch sonst habe ich alle Erinnerungen an diesen einen Tag verloren. An meinen letzten Tag. Das ist das, was mir am meisten zu schaffen macht.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch bin erst wieder zu Bewusstsein gekommen, als ich in der Klinik war. Zumindest dachte ich das damals. Ich konnte jedoch nichts sp\u00fcren. Mich nicht bewegen. Ich kam zum Entschluss, dass ich tot sein musste. Aber ich atmete, nicht gleichm\u00e4\u00dfig, aber ich tat es.<br \/>\nUnd schon bald darauf h\u00f6rte ich es: Stimmen. Sie klangen nah, und doch so weit entfernt. Es waren viele Stimmen. Stimmen, die meinen Namen sagten. Stimmen, die durcheinander redeten. Und Stimmen, die mich immer und immer wieder riefen, als wollten sie, dass ich aus diesem schrecklichen Albtraum erwachte. Was ich am liebsten getan h\u00e4tte.<br \/>\n Aber ich konnte nichts tun. Nicht meinen Arm ein wenig bewegen, nicht meine Mundwinkel zu einem L\u00e4cheln heben. Und vor allem konnte ich nicht meine Augen \u00f6ffnen. Ich konnte kein Zeichen daf\u00fcr geben, dass ich noch am Leben war.<br \/> <br \/>\nIrgendwann konnte ich die Stimmen dann Personen zuordnen. Meiner Mutter. Meinem Vater. Meiner Schwester. Und auch allen meinen Freunden. Sie waren gekommen, um mir beizustehen. Die \u00c4rzte sagten, ich w\u00fcrde im Koma liegen und nichts wahrnehmen. Dass ich keine schlimmen Verletzungen h\u00e4tte. Dass ich bald aufwachen w\u00fcrde. Alle sch\u00f6pften Hoffnung.<br \/>\nDoch dann starben meine Eltern. Sie waren auf dem Weg zur Klinik mit dem Auto auf dem Glatteis ins Schlittern geraten, hat mir meine Schwester erz\u00e4hlt. Ich wollte weinen, doch ich konnte nicht. Konnte meiner Schwester nicht beruhigend \u00fcber die Schulter streichen. Sie nicht tr\u00f6sten.<br \/> <br \/>\nKurz nach diesem Unfall verschwand die Hoffnung. Und alle meine Freunde mit ihr. Sie gingen einfach, einer nach dem anderen. Ohne mir Auf Wiedersehen zu sagen. Da es dieses Wiedersehen nicht geben w\u00fcrde. Die einzige Person, die mir geblieben war, war meine Schwester. Sie kam jeden Tag, erz\u00e4hlte mir alles. Bis ins kleinste Detail. Nur meinen Unfall erw\u00e4hnte sie mit keinem Wort. Warum sie mir alles erz\u00e4hlte, wusste ich nicht. Aber ich war ihr dankbar daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Seitdem sind 10 Jahre verstrichen. 10 Jahre, die ich darauf gewartet habe, dass meine Schwester ihr Versprechen einl\u00f6st. Das Versprechen, dass wir einander helfen. Das Versprechen, dass sie mich umbringen wird. Und heute hat sie mir ins Ohr gefl\u00fcstert, dass ich morgen sterben werde. Darauf habe ich gewartet.<br \/>\nAber jetzt, wenn ich es mir genauer \u00fcberlege, habe ich Angst. Angst davor, was aus mir wird. Davor, was danach passiert. Und davor, dass der Tod schlimmer als mein jetziger Zustand sein k\u00f6nnte.<br \/> <br \/>\nAu\u00dferdem habe ich das Gef\u00fchl, dass ein bisschen Leben in mich zur\u00fcckgekehrt ist. Jetzt, wo ich mich an alles wieder erinnert habe. Als br\u00e4uchte ich nur noch ein letztes Puzzleteil, um das riesige Puzzle zu vervollst\u00e4ndigen. Als br\u00e4uchte ich nur noch eine letzte Erinnerung.<br \/>\nUnd da f\u00e4llt es mir ein. Ich brauche die Erinnerung an den Tag des Unfalls. Die Erinnerung, die mir meine Schwester verschwiegen hatte. Ich brauche sie. Und ich brauche Geduld.<br \/>\nAber ich habe ja noch bis morgen Zeit.<br \/><\/span><br \/>\n\u00a92017 Pegasus AG\/ Katharina Stoll (8F)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen werde ich sterben. So hat es meine Schwester gesagt und so wird es auch sein. Sie hat es mir ins Ohr gefl\u00fcstert, ohne zu wissen, dass ich sie h\u00f6ren kann. Meine Schwester und ich hatten viel geredet. Dar\u00fcber, was wir sp\u00e4ter machen wollen und was wir mitunserem Leben anfangen. 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