{"id":636,"date":"2017-04-20T00:00:29","date_gmt":"2017-04-19T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=636"},"modified":"2017-04-19T19:20:41","modified_gmt":"2017-04-19T17:20:41","slug":"geschichte-werbinich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/geschichte-werbinich\/","title":{"rendered":"Geschichte &#8222;Wer bin ich?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size:11\">1. Platz des 10. LuO-Literaturwettbewerbs 2016 der Jgst. 7-9<\/span><br \/>\nGeschichte:<span style=\"color:#8000ff\"><\/p>\n<div style=\"text-align:center\"><strong><em>\"Wer bin ich?\"<\/strong><\/em><\/div>\n<p><\/span><br \/>\nWas w\u00e4re wenn..? Diese Frage verfolgt mich seit Tagen. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, und sogar meine Haare fallen mir aus. Egal wohin ich gehe, sie verfolgt mich wie mein Schatten. Aber es ist nicht meiner, sondern Pierre. Er sollte jetzt hier stehen, und auf die Ansage des Moderators warten. Aber da bin nur ich, und ich f\u00fchle mich, als w\u00fcrde ich ihm seinen Traum wegnehmen. Ich wei\u00df ja nicht einmal,ob ich das Leben, das mich au\u00dferhalb des Vorhangs, der mir die Sicht zur Trib\u00fcne verbaut, erwartet, \u00fcberhaupt leben will. Pierre wusste mit jeder Faser seines Seins, dass er es wollte, mehr, es war sein Lebensziel. Ich wollte es auch, bis zu dem Moment, der alles ver\u00e4nderte. Um das zu erkl\u00e4ren, muss ich zehn Jahre zur\u00fcck greifen\u2026<br \/>\nEs war der hei\u00dfeste Tag des Jahre 1901. Die Hitze lag bedr\u00fcckend auf jedem von uns. Niemand bewegte sich an diesen hei\u00dfen Tagen mehr als n\u00f6tig. Das ist wahrscheinlich  der Grund, weshalb mich die Leute so anstarrten: Ich sprintete durch die Stra\u00dfen und quetschte mich durch die Leute, die nicht rechtzeitig wegsprangen. Meine Lunge \u00fcberschlug sich fast, meine F\u00fc\u00dfe waren platt getreten und meine Kehle sehnte sich nach Wasser, trotzdem rannte ich weiter, bis ich das unscheinbar wirkende gelb gestrichene Haus erreichte.<br \/>\nAls ich die Wohnung betrat, begr\u00fc\u00dfte mich der wohlige Duft von frisch gebackenem Croissant, \u201ePierre, Pierre der Herr Marion hat mir einen Tipp gegeben, ich werde n\u00e4chstes Jahr den Prix Gegner gewinnen!Ist das nicht unglaublich?\u201c \u201e Das ist wunderbar, aber sag, hast du nicht schon letztes Jahr den Preis gewonnen?\u201c, fragte er und hielt mir ein Croissant hin. \u201eJa, das stimmt, aber du wei\u00dft doch, damals ist nicht alles mit rechten Dingen zugegangen\u201c,nuschelte ich gegen das in meinen Mund gestopften Croissant an, \u201eUnd das ist noch nicht alles!\u201c \u201e Nicht?\u201c,fragte Pierre erstaunt.\u201e Auf Grund meiner vielen Kontakte, kann ich sagen, dass sie, auf Grund ihres Siegs beim Prix Gegner auf die finanzielle Unterst\u00fctzung der Akademie des sciences bauen k\u00f6nnen\u201c, imitierte ich f\u00fcr meinen Geschmack fast zu gut  die n\u00e4selnde Stimme des Herren Marion.<br \/>\nWir sa\u00dfen noch lange da,a\u00dfen Croissants, und f\u00fchlten uns seit langem endlich wieder lebendig.Seit Monaten hatten wir vor Arbeit kaum noch Zeit f\u00fcr den Anderen gehabt. Aber an diesem Tag war einfach alles perfekt.<br \/>\nR\u00fcckblickend w\u00fcrde ich sagen, dass das der Tag war, an dem ich endlich dazugeh\u00f6rte. Der Preis war der kleine Ansto\u00df, den ich gebraucht hatte, um es zu schaffen. Ab diesen Tag f\u00fchlte ich mich wie eine echte Wissenschaftlerin. Ja, ich experimentierte schon vorher, und hatte sogar 1899 mir Pierre den Nobelpreis in Physik gewonnen, aber jetzt wurde ich anerkannt, und  nicht als die Gattin von Pierre, nein, sondern als waschechte Wissenschaftlerin! Ich bekam noch oft kleine Preise und Unterst\u00fctzungen, aber sie verloren irgendwann die Bedeutung f\u00fcr mich. Ich steuerte ein neues Ziel an:<br \/>\nmeinen Nobelpreis.<!--more--><br \/>\nDoch dann kam alles anders f\u00fcr mich: Am 19. April 1906 passierte es.Ich arbeitete im Laboratorium, Pierre hatte ich heute noch nicht zu Gesicht bekommen, wir waren beide zu besch\u00e4ftigt mit unseren Arbeiten gewesen. Mir war eine brillante Idee zur Isolierung des Radiums gekommen. Seit Stunden forschte ich schon an der perfekten Mischung der Lauge, als mich das Telefon aus meinen Gedanken riss. Als ich abhob, begr\u00fc\u00dfte mich die   raue Stimme von Albert, einem pummeligen Polizisten mit einem Fabel f\u00fcr schwarzen Humor. Doch heute war er todernst. Als er mich bat, mich zu setzen,bekam ich langsam Angst. Was war so Schwerwiegendes vorgefallen? Und dann erz\u00e4hlte mir Albert alles.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte mir, wie er vorhin an einen Unfallort gerufen wurde. Ein 47-J\u00e4hriger war unter eine Droschke geraten, woraufhin er einen Sch\u00e4delbruch erlitten hatte und noch am Unfallort gestorben war. Das war an sich nichts besonderes, viele Menschen hier in Paris sterben t\u00e4glich an Verkehrsunf\u00e4llen. Also warum rief Albert ausgerechnet mich an? War die Leiche stark zerschunden und er brauchte jemanden zum reden? Wohl kaum.<br \/>\nUnd auf einmal  wusste ich wer das Opfer gewesen war, er musste es nicht mehr sagen. Die Antwort schnitt mir die Kehle zu. Ich rang nach Luft in einem aussichtslosem Kampf gegen die Panik, die in mir hoch stieg. Nur am Rand bemerkte ich noch die verzweifelten Versuche Alberts, mich vor meinen d\u00fcsteren Gedanken zu bewahren. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam sah ich meine \u00e4lteste Tochter Irene, die mich dr\u00fcckte, sich um mich sorgte, und mir erz\u00e4hlte, dass alles gut werden w\u00fcrde, nach ein paar Tagen kamen Pierres Vater Eug\u00e8ne und sein Bruder Jacques angereist, um sich um mich und Eva zu k\u00fcmmern. Ich bekam nicht viel davon mit, mir schwirrte nur ein Gedanke im Kopf herum. Wieder und wieder versuchte ich ihn zu verdr\u00e4ngen, und damit auch die b\u00f6sen Geister mit ihm. Aber der Gedanke kam immer wieder zur\u00fcck, sodass ich es nicht mehr leugnen konnte:<br \/>\nPierre war tot.<br \/>\nMonatelang zog ich mich zur\u00fcck in mein Schneckenhaus, gefangen von den Geistern in meinem Kopf, wie gel\u00e4hmt vor Trauer. Ich kapselte mich immer mehr vom Leben ab,Eva, Eug\u00e8ne und Jacques hatten es schon l\u00e4ngst aufgegeben mich aufzuheitern, hatten mich schon l\u00e4ngst aufgegeben. Ehrlich gesagt hatte ich das auch.<br \/>\nMeine Erinnerungen an ihn verschwommen langsam, was mir nur noch deutlicher vor Augen hielt, das ich ihn vollends verloren hatte. Ich hatte mit ihm meinen Lehrer, meinen Kollegen und auch meinen Mann verloren.<br \/>\nDoch dann wurde ich von einem Sch\u00fcler von ihm, Paul Langevin, besucht. Und ich war zum ersten Mal wieder gl\u00fccklich. Er erinnerte mich so sehr an ihn. Es war so befreiend, mit ihm zu reden, scherzen und trauern. Es war hart, den Schmerz endlich zuzulassen,aber ich f\u00fchlte mich bei ihm sicher. Danach war ich merkw\u00fcrdig befreit und ertappte mich sogar beim L\u00e4cheln!<br \/>\nAm 5. November hielt ich meine erste Vorlesung,denn mir wurde Pierre Kurs \u00fcbertragen, es war schwieriger als gedacht, all den Leuten gleichzeitig gegen\u00fcberzutreten, die Pierre als Lehrer gehabt hatten, doch Paul half mir durch diese schwere Zeit.<br \/>\nAuch als ich 1911 wegen 2 Stimmen nicht fest an die Acad\u00e9mie des Sciences angenommen wurde, konnte ich auf seine Unterst\u00fctzung bauen. Und dann passierte es:<br \/>\nIch verliebte mich in ihn, obwohl er 5 Jahre j\u00fcnger und verheiratet war.R\u00fcckblickend wei\u00df ich, dass ich mich nicht in ihn, sondern in  die gemeinsamen Erinnerungen an Pierre verliebt hatte.<br \/>\nOstern 1911 wurden unsere Briefe entwendet, und kurze Zeit sp\u00e4ter wurde ich von der Frau von Paul verklagt. Erst dann begriff ich, was ich getan hatte. Ich sch\u00e4mte mich vor mir selbst, konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen.<br \/>\nUm Paul und mich verteidigen zu k\u00f6nnen, rief auch ich einen Anwalt zu Hilfe,den besten,den ich finden konnte, Alexandre Millerand. Somit hatte ich uns rechtlich abgesichert, doch viele Zeitungen schrieben zu recht sehr kritisch \u00fcber uns. Sie gaben ihm den kreativen Namen \u201edie Langevin-Aff\u00e4re\u201c.<br \/>\nIch verlor jeglichen Halt: Ich hatte Pierre, die Liebe meines Lebens verloren, mich dann in seinen verheirateten Sch\u00fcler Paul verliebt, den ich auch verloren hatte,wof\u00fcr ich \u00f6ffentlich im Dauerzustand verh\u00f6hnt wurde.<br \/>\nDas waren 10 bewegende Jahre\u2026<br \/>\n\u2026\u201eUnd der diesj\u00e4hrige Nobelpreistr\u00e4ger ist\u2026\u201c, der Moderator macht eine bedeutende Pause, \u201eMarie Sk\u0142odowska .\u201c Die Menge ist au\u00dfer rand und band.Ich eile am Vorhang vorbei, die Treppe hinauf zum Publikum, und nehme die Urkunde entgegen. Ein unscheinbarer Papierfetzen, auf dem mein M\u00e4dchenname Marie Sk\u0142odowska in gro\u00dfen Buchstaben gedruckt ist. Aber das ist falsch, ich bin nicht Marie Sk\u0142odowska, denn Pierre wird immer ein Teil von mir sein, weder Raum noch Zeit k\u00f6nnen uns trennen. Also nennt mich Marie Curie!<br \/>\n\u00a92017 Pegasus AG\/ Carla T.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Platz des 10. LuO-Literaturwettbewerbs 2016 der Jgst. 7-9 Geschichte: \"Wer bin ich?\" Was w\u00e4re wenn..? Diese Frage verfolgt mich seit Tagen. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, und sogar meine Haare fallen mir aus. Egal wohin ich gehe, sie verfolgt mich wie mein Schatten. Aber es ist nicht meiner, sondern Pierre. Er sollte jetzt <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/geschichte-werbinich\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Geschichte &#8222;Wer bin ich?&#8220;\"<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[21,23,24,20,22],"class_list":{"0":"post-636","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-aside","6":"category-allgemein","7":"tag-carla-t","8":"tag-literaturwettbewerb","9":"tag-pegasus","10":"tag-schuelergeschichten","11":"tag-wer-bin-ich","12":"post_format-post-format-aside","13":"h-entry","14":"hentry","15":"h-as-note"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=636"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/636\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":643,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/636\/revisions\/643"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}