{"id":2371,"date":"2023-07-03T22:18:19","date_gmt":"2023-07-03T20:18:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2371"},"modified":"2023-07-03T22:29:08","modified_gmt":"2023-07-03T20:29:08","slug":"katharina-keller-und-charlotte-ein-weiter-weg-zum-gluecklichsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/katharina-keller-und-charlotte-ein-weiter-weg-zum-gluecklichsein\/","title":{"rendered":"Katharina Keller und Charlotte &#8211; Ein weiter Weg zum Gl\u00fccklichsein"},"content":{"rendered":"<p>Mein Herz klopfte, in meinem Kopf wuselten die Gedanken. Wer war im\u00a0 Wohnzimmer? Ich zog meine Bettdecke bis zu meiner Nase hoch. Eine Weile\u00a0 verging. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schlich nach unten. Dort sa\u00df jemanden auf dem Sofa in eine Decke gewickelt. Es war meine Omi. \u201eWas machst du hier? Kannst du auch nicht schlafen? Soll ich uns einen Tee machen?\u201c, fragte ich meine Oma, die sich abrupt umdrehte. ,,Ach, alles gut mein Schatz, ich war nur kurz mit meinen Gedanken weg\u201c, antwortete meine Omi. Ich fragte sie:,,Willst du es mir erz\u00e4hlen?\u201c ,,Mein Schatz ich m\u00f6chte dich nicht mit unangenehmen Dingen belasten\u201c, sagte sie mit einer traurigen Mine. So kannte ich meine Oma gar nicht. ,,Ach komm schon Omi\u201c, bettelte ich, ,,erz\u00e4hle es mir!\u201c\u00a0 Meine Omi fing an zu erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>Du wei\u00dft ja, unsere Familie kommt aus Syrien. Ich wurde dort geboren. 2011 fing dort ein B\u00fcrgerkrieg an. Ich war gerade einmal drei Jahre alt und bin ab dem Zeitpunkt im Krieg aufgewachsen. Zur Schule ging ich fast nie. 2021 entschloss meine Mutter, mit mir und meinen Geschwistern zu fl\u00fcchten. Sie hielt es nicht mehr aus. Im Januar hatte man meinen Vater erschossen und meine Mutter hatte Angst, dass dasselbe auch uns passieren w\u00fcrde. Wir lebten in Hamah. Hamah war recht nah am Meer gelegen, weshalb wir uns entschieden, \u00fcbers Meer zu fl\u00fcchten. Es<br \/>\nwar gef\u00e4hrlich, doch noch gef\u00e4hrlicher war es, hier zu bleiben. Zu dem Zeitpunkt war ich dreizehn Jahre alt und ich wusste, dass sich mein Leben komplett umstellen w\u00fcrde. Im Mai ging unsere Reise los. Wir fuhren an mehreren Inseln vorbei. Die erste Nacht war die schlimmste meines Lebens. St\u00e4ndig hatte ich Angst, vom Boot zu fallen und es musste immer jemand wach bleiben. Meine Mutter, meine drei Geschwister und ich waren noch mit zehn anderen Leuten auf dem Boot. Die<br \/>\nTage vergingen. Jeden Tag sah ich die Weite des Meeres und hoffte, dass ich mal Land sehen w\u00fcrde. Eines Nachts, ich hatte schon lange nicht mehr gez\u00e4hlt, die wievielte es war, schrie jemand \u201eLand, Land\u201c. Ich sprang auf, was auch die anderen auf dem Boot taten. Pl\u00f6tzlich kam Wasser in unser Boot und immer mehr Wasser, bis wir schlie\u00dflich umkippten. Das Boot kenterte. Es war kalt, dunkel und ich hatte Angst um mein Leben und um das meiner Familie. Ich h\u00f6rte die Schreie meiner Mutter und die meiner kleinen Br\u00fcder Feras und Marwan. Maron, meinen gro\u00dfem Bruder h\u00f6rte ich nicht. Ich schwamm und schwamm. Mein Mund f\u00fcllte sich mit Wasser. Auf einmal packte mich etwas von der Seite. Ich wollte schreien, doch ich konnte nicht. Mir wurde schwarz vor Augen. Als ich aufwachte, beugte sich mein gro\u00dfer Bruder \u00fcber mich. \u201eHala! Du lebst!\u201c, schrie er freudig. \u201eLos, wir m\u00fcssen Mama, Marwan und Feras suchen. Ohne sie gehe ich nicht weiter.\u201c<\/p>\n<p>Ich schluckte. Mama und meine kleinen Br\u00fcder waren nicht mit uns am Strand. Angst stieg in mir auf. Was sollten wir tun? Ich wollte sie nicht verlieren. F\u00fcnf Minuten sa\u00dfen wir bestimmt noch am Strand und \u00fcberlegten, was wir tun sollten. Und die anderen, die mit uns auf dem Boot waren? Was ist mit denen?, fragte ich meinen Bruder. \u201eIch habe fast alle schon gesehen. Sie gehen ins Fl\u00fcchtlingslager nach Pisa. Das ist aber sehr weit weg. Wir brauchen bestimmt mehrere Tage, um<br \/>\ndorthin zu laufen.\u201c, erz\u00e4hlte mir mein Bruder. Wenigstens gab es ein paar gute Nachrichten. Doch es graute mir davor, mehrere Tage zu laufen. Ich flehte meinen Bruder an, noch einen Tag zu warten, da ich noch zu ersch\u00f6pft war. Ich wollte nur schlafen. Mein Bruder sah mir das anscheinend an und willigte ein, wof\u00fcr ich ihm sehr dankbar war. Wir liefen am Strand entlang und fanden Koffer, die wahrscheinlich mit uns angesp\u00fclt worden waren. Drei Koffer davon geh\u00f6rten uns. Am Strand entdeckten wir eine Strandbar, wo wir f\u00fcr eine Nacht \u00fcbernachten konnten.Am n\u00e4chsten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Pisa. In der Unterkunft hatten wir eine Landkarte bekommen. Dieser folgten wir und kamen an einen Fluss. Dort legten wir eine Rast ein. Die V\u00f6gel zwitscherten und es ging ein leichter Wind. Die Tage vergingen und immer sah ich die Weite der Landschaft. Unterwegs waren wir per Anhalter oder mit dem Bus. Viel vom Weg liefen wir auch<br \/>\neinfach. Nachts schliefen wir oft in der Natur oder bei netten Leuten, die und\u00a0 aufnahmen. Ich dachte oft an meine Mutter und an meine kleinen Br\u00fcder. Ich wusste nicht, ob sie \u00fcberlebt hatten. Die Tage und Wochen vergingen und ich weinte viel. Irgendwann war der Tag gekommen. Es war Abend und die Sonne ging schon unter. Da h\u00f6rte ich Kinder lachen und Eltern rufen. Ich glaubte kaum, was ich<br \/>\nsah. Es waren gro\u00dfe wei\u00dfe Zelte. Wir hatten es geschafft. Vor einem gro\u00dfen Tor sah ich jemanden stehen. Diese Person war klein und erinnerte mich an meinen\u00a0 Bruder. \u201eFeras!\u201c, schrie ich vor Gl\u00fcck. Mein Mund war staubtrocken und meine Beine f\u00fchlten sich an wie Wackelpudding. Ich war ersch\u00f6pft, doch ich rannte. Pl\u00f6tzlich kam meine Mutter mit Marwan um die Ecke. Es war der sch\u00f6nste Moment in meinem Leben, als ich sie endlich wieder in die Arme schlie\u00dfen konnte. Doch<br \/>\nich wusste, es war erst der erste Teil unserer Reise geschafft. Ein halbes Jahr lebten wir gemeinsam in dem Fl\u00fcchtlingslager, bevor wir weiterzogen. Noch einmal machten wir uns auf einen langen Weg. Noch einmal wusste ich nicht, was mich erwarteten w\u00fcrde. Doch dieses Mal waren wir als Familie wieder zusammen. Wir liefen und liefen. Irgendwann nach bestimmt einem halben oder dreiviertel Jahr, kamen wir an. Langsam sahen wir am Horizont ein leichtes Licht. Meine Mutter blieb stehen. Ich sah in ihrem staubigen Gesicht, wie erleichtert und froh sie war. Mit ersch\u00f6pfter Stimme sagte sie: \u201eWir haben es fast geschafft!\u201c Mein kleiner Bruder Marwan machte kleine Luftspr\u00fcnge. Feras war auf meinem Arm eingeschlafen. Er war einfach zu ersch\u00f6pft gewesen. Genau wie mein gro\u00dfer Bruder und ich. Mama sagte zielstrebig: \u201eDieses kleine St\u00fcck schaffen wir noch. Auf geht\u2019s!\u201c Aber dieses kleine St\u00fcck kam mir wie der weiteste Weg meines Lebens vor.<\/p>\n<p>Meine Beine schmerzten. Da sahen wir die Grenze zu \u00d6sterreich. Ein Mann fragte nach unseren Papieren. Schlie\u00dflich \u00f6ffneten sich die Tore der Grenze f\u00fcr uns. In einer Turnhalle gab es Wasser und Haferbrei f\u00fcr alle. Auf dem Boden lagen bequeme Luftmatratzen mit fluffigen Decken- einfach ein Paradies. Mein gro\u00dfer Bruder sah die Matratzen, legte sich hin und schlief direkt ein. Ich a\u00df zwei Sch\u00fcsseln Haferbrei und legte mich dann neben ihn.<\/p>\n<p>Drei Monate vergingen \u2026 .<\/p>\n<p>Es war ein besonderer Tag. Heute sollte ein Bus kommen und alle Menschen aus dem Lager nach Deutschland bringen. Ich war aufgeregt und hoffte, dass die dritte Reise die letzte werden w\u00fcrde. Wir sa\u00dfen ungef\u00e4hr sechs Stunden in diesem Bus. Es wurde langsam echt stickig aber ich dachte an die sch\u00f6ne Zeit, die wir in Deutschland haben w\u00fcrden. Dann kamen wir schlie\u00dflich in Ingolstadt an. Dort wurden wir sofort in die Zentrale f\u00fcr Fl\u00fcchtlingshilfe gebracht. Wir schliefen ein paar N\u00e4chte in der Unterkunft, bis wir bei einem Ehepaar unterkommen konnten. Sie waren sehr nett und gaben uns ein Zimmer zum Wohnen und halfen meiner Mutter, Arbeit zu finden. Ich war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt und konnte wieder zur Schule gehen. Auch meine Br\u00fcder konnten zur Schule gehen. Irgendwann hatte meine Mutter soviel Geld verdient, dass wir uns eine eigene Wohnung anmieten konnten.<\/p>\n<p>Oma schluckte. Eine Tr\u00e4ne lief \u00fcber ihre Wangen. Ich nahm sie in den Arm. \u201eDas ist meine Geschichte\u201c, sagte sie mit zittriger Stimme. Mir wurde bewusst, wie gut ich es habe, hier und ohne Krieg zu leben. Ich hatte noch so viele Fragen, doch ich war schon fort im Land der Tr\u00e4ume.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Herz klopfte, in meinem Kopf wuselten die Gedanken. Wer war im\u00a0 Wohnzimmer? Ich zog meine Bettdecke bis zu meiner Nase hoch. Eine Weile\u00a0 verging. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schlich nach unten. Dort sa\u00df jemanden auf dem Sofa in eine Decke gewickelt. Es war meine Omi. \u201eWas machst du hier? 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