{"id":2345,"date":"2023-07-02T16:04:46","date_gmt":"2023-07-02T14:04:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2345"},"modified":"2023-07-02T16:11:26","modified_gmt":"2023-07-02T14:11:26","slug":"beatrix-b-b-carvalho-edgar-egal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/beatrix-b-b-carvalho-edgar-egal\/","title":{"rendered":"Beatrix B. B. Carvalho &#8211; Edgar Egal"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: medium;\">Es gibt viele Geschichten auf dieser Welt. M\u00e4rchen und Sagen, Fabeln und Legenden, Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien, Romanzen oder Heldengeschichten. Geschichten aus der Fantasie, Geschichten aus der Realit\u00e4t oder Geschichten, bei denen man es nicht so genau wei\u00df. L\u00fcgengeschichten, Wharheitserz\u00e4lungen oder einfach Wahnerz\u00e4hlungen. Geschichten, die spontan erfunden werden und kaum die Oberfl\u00e4che kratzen oder Geschichten, die in die tiefe gehen. Und dann gibt es noch die Lebensgeschichte.<br \/>\nUnd meine Lebensgeschichte ist alles andere als sch\u00f6n. Man k\u00f6nnte sie ebenso wenig einfach und simpel nennen, wie man sie fr\u00f6hlich nennen k\u00f6nnte.<br \/>\nAber das ist in Ordnung, denn am Ende des Tages, hat nichts einen wirklichen Sinn. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Ich hei\u00dfe Edgar Egal und ich bin Ordnungspolizist. Ich arbeite in Berlin der 1920er Jahre und jeder schw\u00e4rmt hier von Feiern und dem beliebtem Schlager, aber ich halte es alles nur f\u00fcr unsinnig. An meiner Stelle am Berliner Hauptbahnhof kommen mindestens zwei verlorene T\u00e4nzer oder S\u00e4nger vorbei und fragen mich nach dem Weg zum Potsdamer Platz. Es h\u00e4ngen hier Schilder. Wenn sie den Weg dorthin nicht finden, werden sie den Weg an das Rampenlicht auch \u00fcbersehen.<br \/>\nJeden Tag verbringe ich meine Zeit damit, Gauner wieder auf den rechten Pfad zu r\u00fccken. Das ist leichter gesagt, als getan. Ich muss jeden Morgen um Punkt 5 Uhr an meiner Arbeitsstelle sein und leider ist der Bahnhof der anf\u00e4lligste Ort f\u00fcr Kriminalit\u00e4ten. Neben den toten Z\u00fcgen bewegen sich die Diebe wie Schatten und wenn ich eine Frau schreien h\u00f6re, wei\u00df ich, dass die Bande der Berliner Schatten nicht weit ist. Meine Arbeit ist es eigentlich, sie zu verhaften und zur Station zu bringen und fr\u00fcher habe ich das auch getan. Aber ich habe keine Nerven mehr daf\u00fcr. Die Kriminellen lernen nie aus ihren Fehlern. Warum soll ich sie festnehmen, wenn ich jeden Tag das selbe tun muss? Sie sind doch harmlos. Ich darf aber nicht zu unforsichtig sein. Ich habe n\u00e4mlich so einen Vorsitzenden, Herr Petermann. Ich darf also nur 3 mal am Tag ein Auge zudr\u00fccken. Und das wissen die Diebe. Wir haben also eine Art Vertrag. Der steht aber nur weil ich keine Lust habe einen Haufen Papierkram auszuf\u00fcllen. Bei der H\u00e4ufigkeit der Diebst\u00e4hle verliere ich doch den \u00dcberblick und ich habe wirklich keine Zeit f\u00fcr so etwas. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Warum erz\u00e4hle ich euch das alles? Ach ja. Lebensgeschichte. Wie bin ich hier gelandet? Warum bin ich noch hier wenn ich es so furchtbar finde? Frag ich mich auch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der einzige Grund, weshalb ich noch hier bin, ist meine Familie. Mir kann alles egal sein, aber an meine Familie kommt keiner heran. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Gut haten wir es knapp. Ich will es nicht zu sehr in die Weite ziehen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Ich bin arm aufgewachsen. An meinem achten Geburtstag verlie\u00df uns mein Vater. Wenn man ihn \u00fcberhaupt so nennen kann. Es blieben nur ich, mein Bruder und meine arme Mutter zur\u00fcck. Wir konnten nirgendswo hin und wir verbrachten Jahre auf der Suche nach Unterkunft. Meistens schliefen wir in einem engen Zimmer in einer Gastst\u00e4tte, die zum Zertr\u00fcmmern drohte. Das ist, wenn wir es uns an diesem Abend leisten konnten. Im Alter von 14 Jahren hatte ich mehr auf einer Parkbank oder in einer verlassenen Gasse \u00fcbernachtet als ich auf den Fingern z\u00e4hlen konnte. Aber dann begann ich bei einer Zigarettenfabrik zu arbeiten und konnte es mir \u00f6fter leisten f\u00fcr ein Bett zu bezahlen. Aber ich ging nicht mehr zur Schule und ich merkte wie ich von rebellischen Obdachlosen wie ich beeinflusst wurde. Im Alter von 17 Jahren begann ich den gr\u00f6\u00dften Fehler meines Lebens. Aber dieser verwandelte sich in den gr\u00f6\u00dften Segen, den ich mir damals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Ich brach, zusammen mit einigen Freunden, nachts in einen geschlossenen Markt ein um Essen zu stehlen. Aber wir wurden von einem Offizier erwischt und er schleppte uns zur Station ab. Aber er \u00fcberlegte es sich anders. Er machte uns ein Angebot. Wir sollten eine Ausbildung zu Polizisten abschlie\u00dfen und im Gegenzug w\u00fcrde er uns nicht verraten. Ich verstand den Grund f\u00fcr seine Kompromissfreudigkeit damals nicht. Aber mit der Zeit lernte ich, dass er blo\u00df das Interesse hatte Kinder von den Stra\u00dfen zu holen und sie zu besch\u00fctzen. Und das konnte er nur erreichen indem wir uns selbst besch\u00fctzten. Daf\u00fcr werde ich ihm mein Leben lang dankbar sein. Ich sah dieses Angebot als Ausweg aus unserer Armut und dies war es auch. Ich verdiene als Ordnungspolizist genung Geld, um meiner Familie das Leben finanzieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nSo gro\u00df ist sie aber nicht mehr. Letztes Jahr erkrankte mein Bruder an einer mysteri\u00f6sen Seuche und satrb mit nicht mehr als 18 Jahren.<br \/>\nIch bin nun 25 und frage mich, was ich hier \u00fcberahupt noch mache. Ich kann meine Arbeitskollegen nicht ausstehen. Sie benehmen sich alle wie ein Haufen Marionetten f\u00fcr den Affen, der uns da oben mit seinen Waffen herumkomandiert. Ich leide daran, jeden Morgen aufstehen zu m\u00fcssen um den selben Idioten am Bahnhof sagen zu m\u00fcssen, wie albern ihre Streiche sind. Ich habe keine Nerven mehr, die Kriminellen einzusperren. Sie werden doch sowieso wieder herausgelassen oder entkommen irgendwie und der ganze Bl\u00f6dsinn f\u00e4ngt wieder von Neuem an. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Meine Mutter liegt nun auch im Sterben. Ihre Leber hat den ganzen Alkohol wohl nicht ertragen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Was mache ich hier denn noch? Der einzige Freund, den ich habe, ist ein Hund. Man kann Menschen nicht vertrauen. Sie benutzen und dann verlassen sie einen und brechen damit all ihre leeren Versprechen. Deshalb gehe ich auch nicht auf Parties. Wozu auch? Ich brauche keine Freunde. Aber wegen meinem Chef werde ich nun gezwungen auf eine zu gehen. Er meinte ich soll mich \u201eschick\u201c anziehen. Was soll das hei\u00dfen? Ich ziehe an, was ich immer an habe. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Ich habe es anfangs wirklich versucht. Glauben Sie mir! Ich habe versucht der Held zu sein, aber es war alles f\u00fcr nichts. Und wenn schon die Erde morgen untergeht? Soll sie doch! Ist mir doch egal. Ist mir auch recht. Das letzte, was ich nun noch brauche, ist, dass meine Vorsitzenden herausfinden, dass ich in Wahrheit eine Frau bin. Eigentlich hei\u00dfe ich ja Lisa Lieblich. So steht\u2019s auf der Geburtsurkunde. Meine Familie wei\u00df aber auch nicht, dass ich auf der Arbeit Geschlechter wechsle. Wenn meine Mutter das w\u00fcsste, w\u00fcrde sie wirklich in den Tod gehen. Aber es ist nunmal der einzige Weg erfolgreich zu sein in dieser Welt. Als Frau w\u00e4re ich niemals Polizistin geworden. Das Wort existiert nicht einmal! M\u00e4nner sind so egoistisch und eingebildet. Deshalb ist es so einfach f\u00fcr sie! Sie machen ein System was nur f\u00fcr sie gedacht ist. Und dann wir davon geredet, dass das selbe Geschlecht die Frauen besch\u00fctzen soll! Ich bitte Sie! Ich kann mich besser besch\u00fctzen als irgendein Testosteron-geladenes Kind.<br \/>\nLisa Lieblich? Die gibt\u2019s nicht mehr. Aber ganz ehrlich, wenn man sie entdeckt, ist es dem Edgar aber nun auch egal. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\">Der Weltuntergang ist noch weit weg. Aber wenn die Weite sich k\u00fcrzt, kann ich Sie versichern, dass meine Nerven k\u00fcrzer sind.<br \/>\nSind wir jetzt fertig? <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt viele Geschichten auf dieser Welt. M\u00e4rchen und Sagen, Fabeln und Legenden, Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien, Romanzen oder Heldengeschichten. Geschichten aus der Fantasie, Geschichten aus der Realit\u00e4t oder Geschichten, bei denen man es nicht so genau wei\u00df. 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