{"id":2343,"date":"2023-07-02T16:02:51","date_gmt":"2023-07-02T14:02:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2343"},"modified":"2023-07-02T16:11:31","modified_gmt":"2023-07-02T14:11:31","slug":"ella-ziegert-die-flut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/ella-ziegert-die-flut\/","title":{"rendered":"Ella Ziegert &#8211; Die Flut"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Die Wellen schlagen \u00fcber meinem Kopf zusammen und dr\u00fccken mich hinunter, wo unsichtbare Fesseln mich zu ketten scheinen; zu ketten an die Dunkelheit, der ich so lange entronnen. Ich l\u00e4chele... ein letzter Atemzug, verwandelt in tanzende Blasen. Wer wei\u00df, was diese auf ihrem Weg noch alles sehen werden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Ich begr\u00fc\u00dfe die Tiefe mit einem Nicken und der Gewissheit, dass diese Begegnung anders ist als alle vorherigen und dass ich nicht erneut werde entkommen k\u00f6nnen. Und ich breite die Arme aus, lasse mich einen Moment treiben, dann schlie\u00dfe ich die Augen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Ich habe erreicht, wohin ich schon immer geh\u00f6rte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Null. Eins. Eins. Null. Nullen und Einsen, Einsen und Nullen. Mehr braucht es nicht, um die Festplatte so viel leistungsst\u00e4rker zu machen als mein Gehirn. Ein Blick in meinen Kalender zeigt mir, wie ich den Tag zu verbringen habe. Fotos zeigen l\u00e4ngst vergessene und verblasste Momente. Die neuesten Nachrichten spiegeln die Grausamkeit der Welt wider und geben mir ein Gef\u00fchl von innerer Leere. Ein Druck lastet auf mir, der sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst. Ich habe alles, was ich brauche und so viel mehr; die T\u00fcren zur Welt stehen mir offen; ich k\u00f6nnte alles sein und alles werden, was ich nur will. Und doch sitze ich hier und schaue unt\u00e4tig zu, wie Sekunde um Sekunde vergeht, wie die Tage verstreichen und sich nichts in meinem Leben \u00e4ndert, w\u00e4hrend um mich herum alles brennt. Ein Druck begleitet mich durchs Leben und ist er nicht da, so fehlt etwas. Der Druck ist mein stetiger Begleiter. Ich kann nicht sagen, wann er mir die Hand zur Begr\u00fc\u00dfung entgegenstreckte \u2013 dieser Tag stand nicht in meinem Kalender.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Vielleicht sollte ich diese Tatsache als Beweis gegen die Unfehlbarkeit des Systems sehen und mich daran erfreuen. Die Festplatte ist zwar leistungsst\u00e4rker, doch nicht allwissend. Die digitale Welt hilft bei der Schaffung neuer M\u00f6glichkeiten, doch ist nicht allm\u00e4chtig. Sie erleichtert mir und zahlreichen Anderen den Alltag, doch je weiter sie fortschreitet, desto schwerer wiegt der Druck... Er schl\u00e4gt seine Krallen in mein Fleisch und verzieht den Mund zu einem h\u00e4mischen L\u00e4cheln. Er spottet \u00fcber mich:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><i>\"Sag mal Sch\u00e4tzchen, was haben wir heute eigentlich erreicht?\"<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Nenn mich nicht so.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><i>\"Wieso denn nicht? Der Name passt zu dir. Du verh\u00e4ltst dich schlie\u00dflich so, als w\u00fcrde dir alles geschenkt werden \u2013 sorglos. Ist dir klar, dass das nie passieren wird? Aus dir wird nie etwas werden, du wirst ewig hier festh\u00e4ngen, nichts aus deinem Leben machen und einen bedeutungslosen Tod sterben. Auf deinem Grabstein wird es hei\u00dfen \"Geliebtes Kind\" \u2013 eine scheinheilige L\u00fcge, verbietet die H\u00f6flichkeit doch eine treffendere Beschreibung. \"Entt\u00e4uschung\" klingt gut, meinst du nicht?\"<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Nein. Halt den Mund, sei leise. Ich bin das nicht und werde so nicht enden. Du irrst dich! Du musst dich einfach irren...<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Der Blick in den Spiegel tut weh. Ich stehe neben mir selbst und schaue mich aus j\u00fcngeren Augen an, die zu fragen scheinen, was nur aus uns geworden ist. Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Noch immer bin ich ich, wenngleich ver\u00e4ndert; doch ist Ver\u00e4nderung nicht der Teil des Lebens, der es lebenswert macht, der uns zu Menschen macht? Und sehen wir nicht uns und den Menschen, die wir lieben, unendliche Male dabei zu, wie sie sterben oder ein Teil von ihnen aufh\u00f6rt zu existieren, um zu etwas Anderem zu werden? Wer bestimmt also, dass ein Tod bedeutungslos ist, wo er doch die Stufe zu einem anderen Selbst sein kann, die es zu \u00fcberwinden gilt? <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Wieso habe ich solche Angst vor dem Ende...?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><i>\"Weil es f\u00fcr dich blo\u00df noch eins geben wird, Dummerchen. Du hast Ver\u00e4nderungen seit Ewigkeiten besser gemieden als eine Katze das Wasser. Fr\u00fcher warst du anders. Du hattest Ziele. Doch hast du nie auch nur Anstalten gemacht, dich oder dein Umfeld anzupassen, um diese zu erreichen. Und schau dich heute an. Blickst nicht mal mehr in den Spiegel, um deinen eigenen Fragen zu entrinnen.\"<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Der Druck spricht Wahrheit. Als kleines Kind schien die Welt so gro\u00df, die menschliche Existenz so lang und die Zeit, sie schlich dahin. Fr\u00fcher war der Tee, den ich trank, stets zu hei\u00df; heute bin ich froh, wenn er nicht von gestern ist und Staub auf seiner Oberfl\u00e4che schwimmt. Ich wollte damals nicht ins Bett, heute kann ich es nicht. Alptr\u00e4ume jagen mich umher; Gedanken halten mich wach. Das Leben ist unnahbar geworden, wie ein alter Freund. Ich wei\u00df nicht, wann wir auf Wiedersehen gesagt haben, ob es jemals dazu gekommen war. Es hatte sich still davongeschlichen und nun stehe ich hier und wann immer sie unser Lied spielen, muss ich mitsingen und zur\u00fcckdenken an die alten Zeiten; die guten alten Zeiten, in denen ich noch wusste, was ich mal mit mir anfangen wollte. Die Tr\u00e4ume und Ideen stecken noch in mir, doch sind sie begraben unter einem Haufen unwichtiger Fakten und einem Mantel aus Bitterkeit. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Vielleicht ist es an der Zeit, diesen aufzuheben und die Fakten zur\u00fcck in ihre Regale zu stellen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><i>\"Aber klar doch, Hoheit, etwas Liebe, Zuneigung und Weltfrieden und schon wirst du wieder zu einem naiven Kind. Oh, warte... unter diesen Voraussetzungen wird da wohl eh nichts draus. Schade, schade.\"<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Nein. Halt den Mund, sei leise. Ich bin nicht naiv. Ich habe Hoffnung. Und du wirst mir diese nicht in drei S\u00e4tzen wieder nehmen! Ich war lange genug ein Kind und lange genug nicht erwachsen. Ich habe lange genug nicht gelebt. Tage und N\u00e4chte in meinem Zimmer verbracht, ohne zu wissen, wie sp\u00e4t es war. Sorgen ertr\u00e4nkt und mein Kopfkissen mit Tr\u00e4nen gew\u00e4ssert. Ich habe dich lange genug gen\u00e4hrt. Du bist das Problem, nicht ich. Du bist es. Du bist es, der nicht selbst laufen kann. Der nichts ist, solange er mir nicht ins Gewissen redet. Du bist es, der mich fesselt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Die Wellen schlagen \u00fcber meinem Kopf zusammen und dr\u00fccken mich hinunter, wo unsichtbare Fesseln mich zu ketten scheinen; zu ketten an die Dunkelheit, der ich so lange entronnen. Ich lache \u00fcber diesen kl\u00e4glichen Versuch und sie fallen ab.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Ich begr\u00fc\u00dfe die Tiefe mit einem Nicken und der Gewissheit, dass diese Begegnung nicht die letzte sein wird und dass ich ihr immer wieder werde entkommen k\u00f6nnen, wenn ich nur will. Und ich breite die Arme aus, lasse mich einen Moment treiben, dann breche ich durch die Oberfl\u00e4che. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Ich bin hier und ich lebe und alles wird gut werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Und kommt die Flut, gehe ich aus dem Wasser und warte auf sanftere Wellen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wellen schlagen \u00fcber meinem Kopf zusammen und dr\u00fccken mich hinunter, wo unsichtbare Fesseln mich zu ketten scheinen; zu ketten an die Dunkelheit, der ich so lange entronnen. Ich l\u00e4chele... ein letzter Atemzug, verwandelt in tanzende Blasen. Wer wei\u00df, was diese auf ihrem Weg noch alles sehen werden. 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