{"id":2342,"date":"2023-07-02T16:09:07","date_gmt":"2023-07-02T14:09:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2342"},"modified":"2023-07-02T16:11:11","modified_gmt":"2023-07-02T14:11:11","slug":"tim-hechler-gedankenpost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/tim-hechler-gedankenpost\/","title":{"rendered":"Tim Hechler &#8211; Gedankenpost"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Unerwartet hallte die T\u00fcrklingel durch die von Morgenlicht getr\u00e4nkten, mit m\u00fcden Jalousien verhangenen Zimmer meines kleinen Apartments. Unerwartet, ja so lie\u00df sich auch das bezeichnen, was vor der abgenutzten Wohnungst\u00fcr mit Engelsgeduld auf mich wartete. Es war klein und kantig, der K\u00f6rper faltig und vernarbt, an einer Ecke durchn\u00e4sst, trotz sonnigem Fr\u00fchlingswetter, in bunte R\u00fcstung geh\u00fcllt. Trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe thronte es Stolz \u00fcber meiner br\u00e4unlichen Fu\u00dfmatte, als g\u00e4be es keinen Ort, den es lieber besetze. In halbe Schlaftrunkenheit verh\u00fcllt, nahm ich den Reisenden in mein Zuhause auf, erf\u00fcllt von den Fragen \u201eWoher?\u201c und \u201eWarum?\u201c. Es war nicht schwer, nein sogar \u00fcberraschend leicht und lie\u00df sich h\u00f6flich zu Tisch bitten. Z\u00fcgig zog ich die schweren Rolll\u00e4den hinauf, die die Wohnung noch vor wenigen Minuten in ein wohliges Zwielicht tauchten, jenes Zwielicht, dass man als Kind gef\u00fcrchtet, mit dem Alter jedoch verschlafen lieben gelernt hatte. Mein Gast verblieb w\u00e4hrend diesen wenigen Minuten auf dem Wohnzimmertisch wie jenes Dunkelheit-f\u00fcrchtende Kind, dass dem Erwachsenen voll Neugier bei seinen T\u00e4tigkeiten hinterherblickte, voll Freude, trotz vollst\u00e4ndiger Unwissenheit. Doch die Neugier sollte bleiben, denn ich entschloss mich zu fr\u00fchst\u00fccken, bevor ich mich weiter mit dem bunten Besucher befasste. Eine warme Brise zog durch das K\u00fcchenfenster, es w\u00fcrde ein netter Tag werden, dachte ich, w\u00e4hrend ich zwei Toastscheiben abenteuerlich in die Tiefe des Toasters st\u00fcrzen lie\u00df und die Marmelade heroisch auffing, welche mir, aus dem K\u00fchlschrank fliehend, in die Arme fiel. Erschreckt durch eine rauschende Kaskade aus warmen Kakao stolperte ich ungewiss in Richtung Balkont\u00fcr, fand Halt an dem wei\u00dfen Plastikgriff und lie\u00df mich ersch\u00f6pft auf den hinter jener stehenden Klappstuhl sinken, w\u00e4hrend ich die braunen und beigen H\u00e4userd\u00e4cher \u00fcberblickte, W\u00e4chter einer erwachenden Morgensonne. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Was musste der Besucher wohl von mir denken? Vielleicht am\u00fcsierte er sich heimlich und kicherte verlegen in seine bunten Gew\u00e4nder oder trippelte ungeduldig mit seinem nassen Fu\u00df auf dem glatten Holz des Wohnzimmertisches in der Hoffnung mit einer baldigen Reaktion von seinem stillen Gastgeber zu rechnen. Viele M\u00f6glichkeiten, Stimmlagen und Dialoge wanderten karavanengleich durch die W\u00fcste meiner Gedanken, manche erf\u00fcllt von Freude, andere von Unbehagen, alle jedoch waren sie auf der Reise. Wohin? Wer wei\u00df. In die Weite, sch\u00e4tzte ich. Dorthin, wo mein verh\u00fcllter Gast gewesen war.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Der Tag schritt langsam der Mittagszeit entgegen, als ich mich endlich an den nun hell erleuchteten Tisch setzte, dem Reisenden gegen\u00fcber, der respektvoll in der Tischmitte verweilte, auf ein Zeichen der Konversation wartend, und von reiner Vorbehaltslosigkeit erf\u00fcllt, doch er w\u00fcrde weiter warten, denn kein Wort verlie\u00df mich in diesem Moment. So sa\u00dfen wir da in stiller Einheit mit dem Blick auf den jeweils anderen gerichtet, wenn man die zwei kleinen Dellen an seiner linken Seite als Augen ansehen konnte. Ich r\u00e4usperte mich ein, zwei, dreimal, beugte mich nach vorn, wollte den Mund gerade \u00f6ffnen, doch da h\u00f6rte ich ein helles Zwitschern. Ein Rotkehlchen hatte sich mit ausreichender Distanz zu uns auf den kleinen Pflaumenbaum, der auf dem Balkon seinen Platz gefunden hatte, gesetzt und trillerte vers\u00f6hnliche T\u00f6ne in Richtung unserer stillen Zusammenkunft. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Vielleicht kannten sich die beiden G\u00e4ste, vielleicht auch nicht. Die Anonymit\u00e4t fand ich durchaus charmant und drum schloss ich f\u00fcr 2 Augenblicke die Augen und lie\u00df die fremden Melodien durch meinen Geist wandern. W\u00e4hrenddessen verstummte der bekannte Gro\u00dfstadttumult g\u00e4nzlich, als h\u00e4tte er seine eigene Unh\u00f6flichkeit der Situation zuliebe eingestellt, und zur\u00fcckblieb das seichte Heulen der Winde durch die hohen Gassen, dass sich, wie ein reisender S\u00e4nger, dem Lautenspiel des roten Musikanten anschmiegte. Es entfloh mir ein zufriedenes L\u00e4cheln. Nur ein Kind der Ironie und des Zufalls, die uns hier zusammenbrachten, wie eine Familie, die zusammen am Esstisch sitzt. Jedoch waren wir keine Familie. Wir waren Fremde, Reisende unseres eigenen Lebens, Wesen voll stummer und lauter Kuriosit\u00e4t. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Wenige Momente sp\u00e4ter trennten wir uns. Die Stadt t\u00f6nte wieder, das Rotkehlchen segelte schweigend der Mittagssonne entgegen. Nur ich und der Gast verblieben und blickten dem kleinen Vogel sehnsuchtsvoll nach. Jedenfalls ging ich davon aus, dass der Fremde, mit seiner rechten Seite von warmen Lichtstrahlen beschienen, dies ebenfalls tat. Fragen sprudelten wieder durch Kopf und Hals, als ich die unbekannte Schrift betrachtete, die dessen Haupt zierte. Sie war kunstvoll mit schwarzer Farbe gezogen, voll Rundungen und Strichen. Ein Kunstwerk, das nur darauf wartete, dass ihm jemand die Ehre des ersten Lesens erwies. Voll Verlegenheit war ich deshalb in meiner Unwissenheit gegen\u00fcber jener Schrift und der Kultur, die sie so freundschaftlich verfasst hatte. Zum ersten Mal erklang in mir der Ton der \u00dcberwindung, der Wille aufzustehen und jenes ferne Land zu ergr\u00fcnden. Ich w\u00fcrde es mir \u00fcberlegen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Schlie\u00dflich brach der Nachmittag an und mit ihm die vielen kleinen Imperative, denen es sich zu widmen galt. Allerdings war der bunte Besucher nie weit entfernt. Ironisch, bedachte man die Weite, aus welcher er gekommen war. Und wie ein farbenfroher Klebezettel blieb mir sein Bild st\u00e4ndig im Ged\u00e4chtnis, wie ein Abenteurer, der ein wertvolles Artefakt nicht loslassen will. So n\u00e4herte sich die Sonne sch\u00fcchtern dem Horizont an, als ich mich wieder an dem Tisch einfand, erm\u00fcdet durch den Tag und seine Fragen. Umso mehr begl\u00fcckte mich die Stille, die sofort zwischen uns einkehrte, als h\u00e4tte ich meinen Stuhl nie verlassen. Wieder vergingen die Sekunden, Minuten, Momente und zu keinem Wort geneigt sa\u00dfen wir uns gegen\u00fcber. W\u00e4re seine braune Papierh\u00fclle eine raue und steile Felswand, wie lange w\u00fcrde es wohl dauern sie zu erklimmen? Was w\u00fcrde oben auf mich warten? Vielleicht ein Fleckchen dunkelgr\u00fcnes Gras, auf welchem man, ersch\u00f6pft von dem Aufstieg und der Hitze des vergehenden Tages, der Sonne beim Untergehen \u00fcber tiefen Schluchten, belebt durch fremde Fl\u00fcsse, zuschauen k\u00f6nnte. So wie wir es nun durch die m\u00fcden Fenster der Wohnung taten.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Mit dem Einbruch der Nacht und der langsamen Ankunft des k\u00fchlen Vollmonds begannen sich meine Gedanken zu beschleunigen. Erst in spielerischem Zickzack, dann in Kreisen, als w\u00e4ren sie selbst kleine bunte Monde, die den Reisenden umrundeten. Je mehr das blendende Mondlicht uns ummantelte, desto schneller wurden sie. \u201eKling!\u201c, klang es pl\u00f6tzlich. \u201eKling!\u201c ert\u00f6nte es erneut. Zwei der kleinen Himmelsk\u00f6rper mussten kollidiert sein und kreuzten tapfer ihre Degen am Nachthimmel meines Verstandes. \u201eKling Kling Kling!\u201c Das metallische Klirren wurde frequenter, hastiger, w\u00e4hrend meine Hand langsam damit begann, meinen Besucher wie eine Viper zu umschl\u00e4ngeln. Nun wusste ich ganz genau, welche Einf\u00e4lle dort um Leben und Tod fechteten und mir blieb nichts anderes \u00fcbrig, als die Zuschauerrolle einzunehmen. \u201eKling Kling Kling Kling!\u201c Aus dem gesitteten Tugendgesteche wurde ein hitziger Schlagabtausch. \u201eZissssschhhhhh\u201c, machte es, denn mit einem k\u00e4mpferischen Knistern schmolzen ihre Klingen, w\u00e4hrend meine Hand das bunte Gewand meines Gegen\u00fcbers packte. \u201eWusch!\u201c immer heller wurde es, als meine zweite Hand sich erhob und scharf wie eine Klinge auf den Gast zuschoss. Ich konnte nicht denken, nicht einmal meinen Blick aus blassem Entsetzen abwenden, geschweige denn, dass ich wusste, dass ich dies \u00fcberhaupt wollte. Es lag nicht mehr in meiner Hand. Flamme um Flamme entstieg den K\u00e4mpfern, heller und heller wurde das Licht und tiefer und tiefer fiel ich in eine paradoxerweise eiskalte Trance. Ein letztes Mal gelang mir ein kurzer Blick aus dem Fenster, auf den Mond, die Schemen der Stadt und auf den Sternenhimmel, an dem ich, so glaubte ich jedenfalls, zwei winzige Sonnen gl\u00fchen sah. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Als ich am n\u00e4chsten Tag auf dem sehr unbehaglichen Wohnzimmerstuhl erwachte, hatte die Sonne schon ihre Farben in jede Ecke der Wohnung gestrichen. Sie war eine gr\u00fcndliche Malerin. Zu meiner \u00dcberraschung war mein Gast geblieben und verweilte mit ein, zwei Knicken in seinem Gewand auf dem Tisch. Ich fand in meiner Verlegenheit bez\u00fcglich der letzten Nacht doch eine Portion Frohsinn, richtete mich auf und ging schlie\u00dflich ohne weitere Worte oder blo\u00df ein R\u00e4uspern zu \u00e4u\u00dfern. Wohin? In die Weite, sch\u00e4tzte ich und entschied mich dabei, das Paket nicht zu \u00f6ffnen.<\/span><\/p>\n<p align=\"justify\"><span style=\"font-size: medium;\">Unerwartet? Vielleicht. <\/span><\/p>\n<p align=\"justify\">\n<p align=\"justify\">\n<p align=\"justify\">\n<p align=\"justify\">\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unerwartet hallte die T\u00fcrklingel durch die von Morgenlicht getr\u00e4nkten, mit m\u00fcden Jalousien verhangenen Zimmer meines kleinen Apartments. Unerwartet, ja so lie\u00df sich auch das bezeichnen, was vor der abgenutzten Wohnungst\u00fcr mit Engelsgeduld auf mich wartete. Es war klein und kantig, der K\u00f6rper faltig und vernarbt, an einer Ecke durchn\u00e4sst, trotz sonnigem Fr\u00fchlingswetter, in bunte R\u00fcstung <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/tim-hechler-gedankenpost\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Tim Hechler &#8211; Gedankenpost\"<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[379,42],"tags":[],"class_list":{"0":"post-2342","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-379","7":"category-luo-literaturpreis","8":"h-entry","9":"hentry","10":"h-as-article"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2342"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2349,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2342\/revisions\/2349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}