{"id":2334,"date":"2023-07-02T16:01:11","date_gmt":"2023-07-02T14:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2334"},"modified":"2023-07-02T16:11:37","modified_gmt":"2023-07-02T14:11:37","slug":"salam-srour-die-weite-gedankenwelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/salam-srour-die-weite-gedankenwelt\/","title":{"rendered":"Salam Srour: Die weite Gedankenwelt"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: medium;\">Meine Gedanken. Ist es dir schon mal passiert, dass deine Gedanken genau im falschen Moment irgendwo ins Weite schweifen? Naja genau das ist mir passiert bzw. passiert mir oft. Wie zum Beispiel jetzt, ich h\u00f6re meine Mutter rufen, aber anstelle ihr zu antworten, denke ich an diese Frau zur\u00fcck, die unter den Tr\u00fcmmern lag und die ganze Zeit ihren Sohn rief. Er konnte sie zwar h\u00f6ren, aber ihr helfen konnte er genauso wenig wie sich bewegen, denn auf sein Bein war etwas gro\u00dfes Schweres gefallen und er hing fest. Ich glaube aber, dass niemand versteht, wovon ich rede, daher werde ich von vorne beginnen an den Tag, an dem alles anfing, an dem ich glaub, 6. Februar in Syrien. Ich sa\u00df ganz normal im Wohnzimmer, das gleichzeitig auch das Zimmer war, in dem ich lernte und auch schlief und es mit der ganzen Familie teilte. Wir hatten n\u00e4mlich nur eine 2-Zimmer-Wohnung f\u00fcr 5 Personen, das eine Zimmer f\u00fcr meine Eltern und das andere f\u00fcr den Rest. Also, ich sa\u00df auf dem Sofa und lernte f\u00fcr die Schule, als pl\u00f6tzlich der Boden anfing zu beben. Ich hab mir erstmal nichts dabei gedacht, weil Syrien jetzt nicht wirklich ein Erdbebengebiet ist, aber mein Vater wurde nach mehreren Beben unruhig und rief meinen Onkel an. Mein Onkel wohnt zwar nicht in Syrien, aber mit Erdbeben und Wetter kennt er sich aus, ich glaub er ich Geologe oder so. Er riet uns, dass wir uns, sobald irgendetwas auf den Boden f\u00e4llt, unter einem festen M\u00f6bel in Sicherheit bringen k\u00f6nnen. Rausgehen w\u00e4re n\u00e4mlich gef\u00e4hrlich, weil wir im 12.Stock wohnen und das Beben, w\u00e4hrend wir die Treppen runtergehen, st\u00e4rker werden kann und es dann zu sp\u00e4t f\u00fcr uns w\u00e4re und einen Aufzug haben wir nicht. Und tats\u00e4chlich, wenige Minuten, nein Sekunden sp\u00e4ter fingen die Lampen an zu flackern. Mein Vater sagte, wir sollen uns unter dem gro\u00dfen Esstisch verstecken, er wolle noch Wasser oder Essen oder so holen, falls wir hier festh\u00e4ngen. Alle h\u00f6rten auf ihn, nur ich blieb sitzen und dachte \u00fcber die Schule nach. Die ganze Zeit schweifen meine Gedanken ins weite Meer der Gedanken. Es ist nicht mal meine Absicht, aber es passiert einfach, dann denke ich \u00fcber etwas nach und bin ganz weit weg von der echten Welt. Dieses Mal dachte ich \u00fcber den Ausflug nach und den strengen Anweisungen der Lehrer, ich bin soweit mit meinen Gedanken, dass ich nicht mal bemerke, dass meine Mutter mich anstupst, erst als sie es fester macht, wache ich aus meinen Gedanken aus. Alle sind unter dem Tisch, au\u00dfer mein Vater, ich krieche auch zu ihnen runter und schon f\u00e4llt die erste Lampe. Das ist aber ein richtiges Erdbeben. Pl\u00f6tzlich h\u00f6r ich meinen Vater st\u00f6hnen. Ich stehe auf, um zu sehen, was passiert ist. Erschrocken halte ich mir die Hand vor den Mund, mein Vater lag auf dem Boden und die K\u00fcchentheke mit dem ganzen Geschirr ist auf ihn gefallen. Er sagt mir, ich soll mich nicht um ihn sorgen und das Essen zu meinen Geschwistern bringen. Das tue ich auch, aber anstelle bei ihnen zu bleiben wie er es wollte, gehe ich wieder zu ihm und versuche die Theke anzuheben. Es gelingt mir dann letztendlich mit dem Fu\u00df und ich will wieder aufstehen, als der Boden unter mir sinkt. Mein Vater ruft, ich solle unter den K\u00fcchentisch gehen, da es zu sp\u00e4t w\u00e4re, zum Rest der Familie zu gehen. Er passte aber nicht unter den Tisch und sagte, das schaffe er schon und genau in dem Moment fiel die Decke, ich wei\u00df nicht genau, was danach passiert ist, weil, wenn ich dem Arzt richtig zugeh\u00f6rt habe, mein Gehirn diese b\u00f6sen Erinnerungen verdr\u00e4ngt hat. Aber man kann sich eigentlich auch denken, was passiert ist. Wie ich gerettet wurde wei\u00df ich auch nicht mehr, ich wei\u00df nur, dass ich dann auf einer Liege aufwachte und meiner Tr\u00e4nen und Blut \u00fcberstr\u00f6mten Mutter ins Gesicht sah. So landeten wir dann in den Zelten, dort mussten wir uns mit zwei fremden Familien ein Zelt teilen. Es war so kalt dort und es gab so viel Arbeit, jeder hatte sein Zuhause oder gar alles verloren und musste jetzt hier leben. Aber zum Gl\u00fcck hatte ich noch meine weite Gedankenwelt, in der mein Vater noch lebte.<\/span><\/p>\n<p align=\"center\">\u2013 <span style=\"font-size: medium;\">Ende \u2013<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Gedanken. Ist es dir schon mal passiert, dass deine Gedanken genau im falschen Moment irgendwo ins Weite schweifen? Naja genau das ist mir passiert bzw. passiert mir oft. 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