{"id":2213,"date":"2022-10-03T12:50:45","date_gmt":"2022-10-03T10:50:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2213"},"modified":"2022-10-03T12:56:23","modified_gmt":"2022-10-03T10:56:23","slug":"rieke-freie-wildnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/rieke-freie-wildnis\/","title":{"rendered":"Rieke &#8211; Freie Wildnis"},"content":{"rendered":"<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Ich renne. Weg von allem, in den Wald. Frei sein. Selbst entscheiden, was ich tue. Ich h\u00f6re Rufe <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">hinter mir. Aber ich gehe nicht darauf ein. Eine Tr\u00e4ne bildet sich in meinem Auge, ich wische sie <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">weg. Ich biege ab. Es ist dunkel und mir ist kalt. Ich renne schneller, um mich aufzuw\u00e4rmen. Ich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">komme an eine kleine Lichtung mit einer gro\u00dfen Eiche in der Mitte. Das ist mein Ziel. Diese <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Lichtung kenne nur ich. Ich setze mich an die Eiche und verschnaufe erstmal. Pause. Ersch\u00f6pft <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">kauere ich mich zusammen. Doch dann durchstr\u00f6mt mich ein Gl\u00fccksgef\u00fchl. Endlich frei! Tun und<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">lassen, ganz nach meiner Meinung. Ich rappele mich auf und \u00f6ffne meinen\u00a0 Rucksack. Ich habe <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">einige Dinge zum \u00fcberleben mitgenommen: Einen Schlafsack, ein kleines Erste-Hilfe-Set, mein <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Tastenhandy mit Batterien-Funktion, gen\u00fcgend Batterien die in mein Handy passen, einen<\/span> <span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Geldbeutel mit mehreren hundert Euro, Proviant (Brote, Gem\u00fcse, Obst, Wasser), eine Taschenlampe, <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">eine Armbanduhr, einen kleinen Topf, zwei Becher, einen Spiritus-Kocher, eine Plane, ein <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Schraubenset mit Schraubenziehern und einige Holzbretter. Ich nehme zuerst\u00a0 meinen Schlafsack <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">heraus und rolle ihn auf. Ich breite mein zuk\u00fcnftiges Bett aus. Hier werde ich nun schlafen. Meinen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Geldbeutel stecke ich zu meinen F\u00fc\u00dfen in den Schlafsack, damit er einigerma\u00dfen sicher ist. Dann <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">lege ich mich in mein Bett. Zuerst kann ich nicht einschlafen. Ich muss \u00fcber mein neues Leben <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">nachdenken, welches ab jetzt beginnt. Mir wird bewusst, welche Zeiten ich bestehen muss, vor<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">allem im Winter. Ich schaue auf die Uhr. Es ist fast zehn Uhr Abends. Ein L\u00e4cheln schleicht sich auf <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">mein Gesicht. Ich muss nicht mehr um sechs Uhr aufstehen, um zur Schule zu gehen! Mit diesem <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Gedanken schlafe ich ein.<\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Am n\u00e4chsten Tag wache ich auf. Ich muss aufs Klo. Ich schaue mich um und\u00a0 bemerke einen Busch, <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">der am Rande der Lichtung steht. <\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Eine Minute sp\u00e4ter sitze ich wieder unter der Eiche und packe meinen Rucksack aus. Ich hole die <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Holzbretter heraus. Einige sind lang, andere kurz. Mit meinen Schrauben und drei kurzen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Holzbrettern baue ich mir eine kleine Fl\u00e4che, die als Tisch dient. Auf den provisorischen Tisch <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">stelle ich den Spiritus-Kocher und den Topf. Alles zusammen steht dann neben meinem Bett. Im <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Geb\u00fcsch hinter mir knackst ein Zweig. Ich erschrecke mich und drehe mich um. Ich stehe auf und<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">gehe ganz langsam auf die Stelle zu, woher das Ger\u00e4usch kam. \u201eIch darf in Zukunft nicht so <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">schreckhaft sein\u201c, denke ich mir. Ich umrunde den Busch und sehe gerade noch so ein Reh, das <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">zur\u00fcck in die Tiefen des Waldes springt. Ich atme aus und gehe zu meinem kleinen Lager zur\u00fcck. <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Ich hole mein Handy raus und spiele ein Spiel. Doch dann bekomme ich Hunger. Ich nehme mir ein <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Brot und esse es. Ich denke \u00fcber das Reh nach. Das ist doch auch frei. Dann schaue ich mir die <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Risiken an, die das Leben im Wald mit sich bringt. Irgendwie beschleicht mich der Gedanke, dass<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">es doch keine so gute Idee war, weg von all dem Stress zu fl\u00fcchten. Ich bei\u00dfe in mein Brot und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">vertreibe den unangenehmen Gedanken. Doch immer wieder muss ich an meine fr\u00fchere Familie <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">denken und bekomme schon nach einem Tag in der Wildnis Heimweh. Ich versuche, dieses Gef\u00fchl <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">wegzuschieben, zu vergessen. Und es klappt.<\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Drei Tage sp\u00e4ter denke ich nicht mehr an die Menschen in der lauten Stadt und konzentriere mich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">auf mein Leben jetzt. Das Reh, das ich getroffen habe, ist jetzt mein Freund und vertraut mir. <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Regelm\u00e4\u00dfig kommt es mich besuchen. <\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Doch noch zwei Tage vergehen und es wird k\u00e4lter und k\u00e4lter. Irgendwann f\u00e4llt sogar Schnee! In der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Nacht ziehe ich mir die Plane \u00fcber, doch die hilft nur wenig. Ich kuschele mich in meinen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Schlafsack und versuche, mich aufzuw\u00e4rmen. Ich sehe eine Bewegung aus dem Augenwinkel und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">schaue mich um. Mein Reh kommt auf mich zu und legt sich zu mir. Ich schmiege mich an meinen <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Freund. Er gibt mir von seiner K\u00f6rperw\u00e4rme ab, und schon wird mir wieder warm.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">An einem Tag h\u00f6re ich laute Knaller. Ich sehe auch ein paar Funken am Himmel. Muss Silvester <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">sein. Schon\u00a0 wieder denke ich an die Leute, die Kinder in meiner Schule und an meinen besten <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Freund. Die tollen Zeiten im Schwimmbad, im Kino... Die Lehrer an meiner Schule... jetzt ist der <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">erste Januar und damit das Jahr 2030. Ich seufze und schaue mich um. Diese Lichtung ist mein <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Zuhause geworden. Das Reh ein Teil meiner Familie und der Schlafsack Alltag. Ich kann mir nicht <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">mehr vorstellen, das alles zu verlassen. Doch irgendetwas dr\u00e4ngt mich zur\u00fcck zu meiner Familie <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">und meinen Freunden.\u00a0 Irgendwie vermisse ich auch die laute und stinkende M\u00fcllabfuhr, die immer <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">vor unserem Fenster h\u00e4lt. Das Piepsen war, genauso wie die gro\u00dfe Eiche jetzt, mir\u00a0 vertraut. Noch <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">einmal schaue ich mich um, dann lege ich mich schlafen. <\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Am n\u00e4chsten Tag werde ich von Sonnenschein, K\u00e4lte und einem sanften Schnauben geweckt. Ich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">blinzele und schaue meinem Waldfreund in die dunklen Augen. Ich setze mich auf und kraule das <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Reh hinter den Ohren. Dann krabbele ich aus meinem Schlafsack und nehme mir das letzte St\u00fcck <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Brot. Ich rei\u00dfe ein St\u00fcck davon ab und gebe es meinem Freund. Ich hole meinen Geldbeutel hervor <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">und betrachte ihn. Ich zittere. \u201eNach Hause\u201c, denke ich unfreiwillig. Mir ist kalt und \u00fcberall liegt<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Schnee. \u201eIns warme Haus\u201c, kommt mir der Gedanke. Ich rei\u00dfe mich zusammen und packe meine <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Sachen ein. Ich rolle den Schlafsack zusammen und h\u00e4nge ihn an meinen Rucksack. Mein <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Waldfreund schaut mich fragend und mit schief gelegtem Kopf an. Ich erkl\u00e4re ihm: \u201eIch gehe nach <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Hause. Aber ich werde dich hier immer besuchen, okay?\u201c Das Reh schnaubt, scheint mit dem Kopf <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">zu nicken und schnuppert noch einmal an meiner Hand. Dann trabt es in den Wald. Ich schaue<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">meinem Freund hinterher. Ich seufze und packe weiter meine Sachen zusammen. Meinen Tisch, den <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Spiritus-Kocher, den ich \u00fcberhaupt nicht benutzt habe... warum hab ich ihn dann mitgenommen? <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Ich sch\u00fcttele meinen Kopf und schlie\u00dfe meinen Rucksack. Ich setze ihn mir auf und mache mich <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">auf den Weg zur\u00fcck in die Stadt. <\/span><\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Eine halbe Stunde sp\u00e4ter erkenne ich die ersten H\u00e4user. Nochmal zehn Minuten sp\u00e4ter biege ich in <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">meine Stra\u00dfe ein. Ich bleibe vor meinem Haus stehen und muss mich zusammenrei\u00dfen, nicht wieder <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">weg zu laufen. Ich dr\u00fccke die Klingel. Etwa f\u00fcnfzehn Sekunden sp\u00e4ter wird die T\u00fcr aufgemacht <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">und ich stehe meiner Mutter gegen\u00fcber. Diese ist f\u00fcr zwei Sekunden in Schockstarre, dann kreischt <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">sie jedoch vor Freude und ruft: \u201eDu lebst!\u201c Ich falle ihr in die Arme und dr\u00fccke sie. Am liebsten<\/span><br role=\"presentation\" \/><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">w\u00fcrde ich sie nie mehr loslassen. \u201eAber wie siehst du aus?\u201c, sagt sie irgendwann zu mir und h\u00e4lt <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">mich von sich, damit sie mich betrachten kann. Erst jetzt bemerke ich, dass sich in meinen Haaren <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">lauter Bl\u00e4tter, Zweige und Erdkr\u00fcmel verfangen haben. Ich schaue verlegen an mir herunter und <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">sehe, dass auch meine Klamotten nicht mehr ganz sauber sind. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Einen Monat sp\u00e4ter habe ich bereits vierzehn-mal meinen Freund des Waldes besucht. Und eins <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">habe ich auch bei meinen ersten Tagen zuhause gelernt: Zuhause bin ich freier als in der Wildnis. <\/span><span dir=\"ltr\" role=\"presentation\">Dort drau\u00dfen ist man nicht frei, denn man hat mehr Einschr\u00e4nkungen als zuhause. &lt;3<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich renne. Weg von allem, in den Wald. Frei sein. Selbst entscheiden, was ich tue. Ich h\u00f6re Rufe hinter mir. Aber ich gehe nicht darauf ein. Eine Tr\u00e4ne bildet sich in meinem Auge, ich wische sie weg. Ich biege ab. Es ist dunkel und mir ist kalt. Ich renne schneller, um mich aufzuw\u00e4rmen. 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