{"id":2089,"date":"2021-06-29T15:22:10","date_gmt":"2021-06-29T13:22:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2089"},"modified":"2022-10-03T13:35:36","modified_gmt":"2022-10-03T11:35:36","slug":"lilly-gacenbiller-frei-nach-der-alte-mann-und-das-meer-von-ernest-hemingway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/lilly-gacenbiller-frei-nach-der-alte-mann-und-das-meer-von-ernest-hemingway\/","title":{"rendered":"Lilly Gacenbiller: Frei nach Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway"},"content":{"rendered":"<p><em>Er war ein alter Mann und er fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen.<\/em><\/p>\n<p>Jeden Tag kehrte er mit einem leeren Netz nach Hause zur\u00fcck und musste seine Familie entt\u00e4uschen, die sich nach einem Fang sehnte. Ein gro\u00dfer Druck lastete auf ihm, als er am f\u00fcnfundachtzigsten Tag zum Meer zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>Er l\u00f6ste den Knoten, der sein Schiff an den Steg festband und stieg in das Boot hinein. Nun packte er die Ruder und ruderte aufs Meer hinaus.<\/p>\n<p>Die Luft roch nach Salz und frischer Wind peitschte dem alten Mann um die Ohren.<\/p>\n<p>Er kam nur sehr langsam voran. Seine St\u00e4rke war mit der Zeit geschwunden.<\/p>\n<p>Das Schiff schaukelte leicht in den Wellen und der alte Mann bereitete alles f\u00fcr den Fischfang vor. Er legte die Netze aus und nahm seine Angelrute in die Hand. Danach konnte er nur noch abwarten. Und so wartete er Stunden lang, bis er die Sonne untergehen sah und es Zeit war zur\u00fcckzusegeln.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg begann es nach kurzer Zeit zu regnen und die zerfransten Klamotten des Mannes wurden vollkommen durchn\u00e4sst. Seine Frau, sein Sohn und dessen Ehefrau machten sich gro\u00dfe Sorgen, als sie ihn so zittrig und durchn\u00e4sst sahen. Sie machten ihm sofort einen Tee und brachten ihn ins Bett.<\/p>\n<p>Das Gewitter w\u00fctete und die Familie fror die ganze Nacht hindurch.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen konnte der alte Mann nicht hinaus auf das Meer fahren, um Fische zu fangen. Er hatte sich etwas eingefangen und musste nun die n\u00e4chste Woche im Bett verweilen. Doch dies plagte ihn nur umso mehr. Wie sollte er einen Beitrag leisten k\u00f6nnen, wenn er nur in seinem Bett verblieb?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich beschloss er doch noch, hinaus zu segeln. Ohne auf die Bitten seines Sohnes zu achten, der ihm drau\u00dfen im Garten begegnete, lief er zum Steg am Sandstrand, l\u00f6ste das Seil und setze sich in das Boot.<em> Es ist meine Pflicht<\/em>, fl\u00fcsterte er immerzu vor sich hin. Es war ein bew\u00f6lkter Tag. Die Sonne strahlte leicht zwischen den Wolken hervor und nur eine kleine Brise zog \u00fcber das Land. Der alte Mann sa\u00df in seinem Boot und hoffte auf einen Fang. Doch auch diesmal schwand seine Hoffnung, Stunde um Stunde mehr. Er brachte es nicht \u00fcber sich, seine Familie erneut zu entt\u00e4uschen.<em> Ich bin zwar alt, aber nicht zu alt, um mitzuhelfen. <\/em>Voller \u00dcberzeugung sprang er von seinem Boot in die Wellen hinein. Das salzige Wasser drang in seine Augen und seine Kleider zogen ihn nach unten, doch trotzdem er hielt Ausschau nach den Fischen.<\/p>\n<p>Der alte Mann sp\u00fcrte, wie der Wasserdruck ihm zu schaffen machte, in seinen Ohre piepte es schrill, w\u00e4hrend er keinen einzigen Schwarm in greifbarer N\u00e4he zu Gesicht bekam.<em> Luft, ich brauche Luft!,<\/em> schrie sein Gehirn. Da konnte es der Mann nicht weiter aushalten. Er strampelte wild mit den Beinen, um die Wasseroberfl\u00e4che zu durchbrechen. Ein paar Sekunden sp\u00e4ter tauchte er auf und klammerte sich an sein Boot fest, das seine Fingerknochen heraustraten und wei\u00df wurden. Mit gro\u00dfer Anstrengung kletterte er wieder in sein Boot.<em> Vielleicht bin ich doch ein wenig zu alt, um tauchen zu gehen, <\/em>dachte er<em>.<\/em><\/p>\n<p>Den Rest des Tages sah er aufs Meer hinaus und gr\u00fcbelte vor sich hin.<\/p>\n<p>Noch in der selben Nacht kehrte er heim. Seine Frau st\u00fcrzte ihm entgegen und schimpfte, wie leichtsinnig es doch sei krank hinaus zu fahren, um zu fischen. \u201eDir h\u00e4tte wei\u00df Gott was passieren k\u00f6nnen!\u201c, warf sie ihm vor. Der alte Mann bemerkte, wie viel besorgter sie um ihn war als um den Fischfang. In dieser Nacht traf er den Entschluss, nicht mehr aufs Meer zu fahren, um zu Angeln, sondern um sich zu entspannen und gelassener und ruhiger zu werden. Seiner Familie wollte er anderweitig mit kleinen Gesten helfen. Doch vorerst w\u00fcrde er seinen Sohn den Fischfang lehren, auf das sein Wissen ihm eine St\u00fctze sei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war ein alter Mann und er fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen. Jeden Tag kehrte er mit einem leeren Netz nach Hause zur\u00fcck und musste seine Familie entt\u00e4uschen, die sich nach einem Fang sehnte. 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