{"id":2055,"date":"2021-06-08T15:31:39","date_gmt":"2021-06-08T13:31:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2055"},"modified":"2022-10-03T13:34:56","modified_gmt":"2022-10-03T11:34:56","slug":"ella-ziegert-stille-aus-verzweiflung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/ella-ziegert-stille-aus-verzweiflung\/","title":{"rendered":"Ella Ziegert: Stille aus Verzweiflung"},"content":{"rendered":"<p>Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt.<\/p>\n<p>Schnell schlage ich die Augen auf, in der stillen Hoffnung mein Gef\u00fchl habe mich get\u00e4uscht und in Wahrheit sei alles so wie immer und die kalte H\u00e4lfte warm. W\u00e4hrend ich noch mit schweren Lidern blinzele, schleicht sich die Erkenntnis in meinen Kopf und fl\u00fcstert mir Dinge zu, die ich nicht h\u00f6ren will:<\/p>\n<p>\u201eEs ist deine Schuld. Du hast nicht richtig aufgepasst. Das alles w\u00e4re nicht passiert, h\u00e4ttest du besser Acht gegeben\u2026\u201c<\/p>\n<p>Das Herz bleiern, lasse ich die Beine \u00fcber die Bettkante fallen. Mit einem dumpfen Schlag landen meine F\u00fc\u00dfe auf dem Teppich. Ich erhebe mich und beginne das Haus zu durchsuchen; nur noch ein F\u00fcnkchen Hoffnung ist in mir.<\/p>\n<p>Leere, wohin ich auch komme. Wie k\u00f6nnte es auch anders sein? Schwerm\u00fctig lasse ich die Finger an der Wand entlanggleiten, die raue Tapete unter ihnen. Sehns\u00fcchtig werfe ich einen Blick auf die verstaubten Familienfotos, auf denen noch alles in bester Ordnung war. Doch die diebische Zeit schlug ein wie eine Bombe und nichts war mehr an seinem Platz. Dinge verschwanden, und nicht nur Dinge, bis schlie\u00dflich nichts mehr \u00fcbrig war. Seither bin ich allein.<\/p>\n<p>Nein. Noch bin ich nicht ganz allein, noch nicht. Trotz all der Ereignisse in vergangenen Tagen, ist mir Stella noch geblieben. Ich dachte immer, das k\u00f6nne mir nichts in der Welt nehmen.<\/p>\n<p>Ich gehe aus der Haust\u00fcr, um der Stille zu entfliehen; die Angst vor einer endg\u00fcltigen Einsamkeit noch immer dicht auf den Fersen. Als ich die Stufen nach unten stolpere, trete ich ins Nichts. Ich strauchele. Beinahe falle ich. Klammere mich am Gel\u00e4nder fest, wie an einem Rettungsring.<\/p>\n<p>Die Zeit reicht nicht, mich von dem Schreck zu erholen. Tick, tick, tick. Sie rennt. Flie\u00dft wie Sand durch meine Finger. Versickert wie Wasser im Grund.<\/p>\n<p>Im Gem\u00fcsebeet finde ich sie nicht. Auch nicht hinter den M\u00fclltonnen. \u201eWeiter!\u201c, zwinge ich mich. Mein Kopf will vorw\u00e4rts, mein Herz will zerbrechen. In tausende Splitter. Bersten, explodieren und einfach aufgeben. Wo kann sie nur sein? Sie ist nicht hinter den B\u00fcschen. Nicht zwischen den Blumen.<\/p>\n<p>Der Garten verschwimmt vor meinen Augen, ich sp\u00fcre etwas Nasses auf meiner Wange. Meine H\u00e4nde zittern, meine Knie wollen nachgeben. Ich kann nicht mehr weiter. Sinke auf den Boden. Bis auf mein Schluchzen ist noch immer nichts zu h\u00f6ren, doch die Stimmen in meinem Kopf drohen mein Trommelfell zu zerrei\u00dfen. Ich versuche sie zu ersticken, die Tr\u00e4nen beiseitezuwischen, meine Beine zu zwingen, mich weiter zu tragen. Doch je mehr ich mich erheben will, desto st\u00e4rker werde ich zu Boden gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Bitters\u00fc\u00df und salzig laufen Tr\u00e4nen \u00fcber mein Gesicht. Tropfen auf meine H\u00e4nde, w\u00e4ssern den Boden und verfangen sich in meinen Haaren. Ich kann mich nicht wehren, kann es nicht stoppen.<\/p>\n<p>Da findet ein Ger\u00e4usch seinen Weg durch die Stille aus Verzweiflung, die mich umgibt. Erst nur ganz leise. Dann immer lauter. Ich konzentriere mich. \u2013 Es ist ein Bellen. Durch den Schleier vor meinen Augen versuche ich auszumachen, woher es kommt. Da \u2013 eine Bewegung.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste, das ich sp\u00fcre, ist eine kleine Zunge, die mein Dasein als Springbrunnen beenden will und versucht, die salzigen Tr\u00e4nen zu fangen. Doch ich weine weiter, immer weiter, vier Pfoten in meinem Scho\u00df. Tr\u00e4nen der Erleichterung rinnen \u00fcber meine Wangen. Sanft streiche ich \u00fcber den Verband an einer der Pfoten; den Hinweis auf einen gebrochenen Knochen. Es scheint als w\u00e4re er verheilt.<\/p>\n<p>Mein Herz steht still und schl\u00e4gt gegen meine Rippen. Meine Freude ist unbeschreiblich gro\u00df. Die Tr\u00e4nen laufen nur so aus meinen Augen, tropfen in das Fell; auf die Nase um die ich so viel Angst hatte. \u201eStella\u201c, schluchze ich und presse den kleinen Beagle an mich, als w\u00fcrde ich ihn nie mehr loslassen wollen. Und das will ich auch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt. 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