{"id":2048,"date":"2021-06-08T15:05:48","date_gmt":"2021-06-08T13:05:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=2048"},"modified":"2022-10-03T13:35:52","modified_gmt":"2022-10-03T11:35:52","slug":"juliette-wesarg-die-fahrkarte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/juliette-wesarg-die-fahrkarte\/","title":{"rendered":"Juliette Wesarg: Die Fahrkarte"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWillst du mit zu mir kommen? Wir k\u00f6nnten zusammen Mathe lernen.\u201c, fragte\u00a0mich\u00a0meine beste Freundin Julia.<\/p>\n<p>\u201eKann nicht. Du wei\u00dft doch, dass meine Eltern bis Samstag in Berlin sind.\u201c, antwortete ich bedauernd.<\/p>\n<p>,,Ja und? Umso besser, dann musst du nicht alleine zuhause sein.\u201c, sagte Julia grinsend, total begeistert von ihrer eigenen Idee.<\/p>\n<p>\u201eIch bin nicht alleine, ich habe dir doch erz\u00e4hlt, dass ich solange bei meiner Oma bleibe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eStimmt,\u00a0hast du mir ja erz\u00e4hlt.\u201c Sie lie\u00df die Schultern h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>\u201eIch schreibe dir aber sp\u00e4ter noch, versprochen!\u201c,\u00a0schob ich hinterher, als ich ihren entt\u00e4uschten Gesichtsausdruck sah.<\/p>\n<p>,,Na gut. Dann halt ein anderes Mal.\u201c Sie umarmte mich schnell und rannte dann zu ihrer Bahn, die schon gehalten hatte. Ich winkte Julia noch hinterher, mein Bus kam eh erst in 15 Minuten.<\/p>\n<p>Langsam setzte ich meine Beine in Bewegung und lief zur Haltestelle. Ich steckte die H\u00e4nde in die Taschen, heute war einer der k\u00e4ltesten Tage seit langem. Jedenfalls kam es mir so vor. Ich kuschelte mich in meinen dicken Schal, den Oma mir zum Geburtstag gestrickt hatte. Mir gefiel der Schal, weil er sch\u00f6n gro\u00df war. Au\u00dferdem schmiegte sich die weiche Wolle an meine Wangen, was ihn nicht nur zu einem tollen Versteck f\u00fcr mein Gesicht machte, sondern auch wirklich warm hielt.<\/p>\n<p>Als ich um die Ecke bog, stand der Bus schon da. ,H\u00e4, seit wann kommt der denn zu fr\u00fch?\u00b4, fragte ich mich. \u201aIst ja eigentlich umso besser.\u2018<\/p>\n<p>Ich hatte n\u00e4mlich echt keine Lust, wie letztes Mal 20\u00a0Minuten in der K\u00e4lte auf den versp\u00e4teten Bus warten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Da ich meine H\u00e4nde schon tief in meinen Taschen hatte, griffen meine Finger automatisch nach meiner Jahreskarte. Doch da war nichts. Meine Finger griffen ins Leere. Hektisch\u00a0kramte ich weiter, mein Herzschlag wurde schneller. Ich warf einen Blick in meine Taschen, doch sehen konnte ich sie auch nicht. Da war nichts. Au\u00dfer ein benutztes Taschentuch und meine FFP2-Maske.<\/p>\n<p>Da\u00a0fiel es mir ein. Meine Karte war in der anderen Jacke. Bei dem Regen am Morgen hatte ich mich f\u00fcr meine Regenjacke entschieden und das Ticket vergessen. Och nee!\u00a0Wie konnte mir sowas Doofes passieren? Mann!<\/p>\n<p>Aber es brachte nichts, sich aufzuregen. Das brachte meine Karte auch nicht dazu, zu mir zu fliegen. Jetzt musste ich mir ein Ticket kaufen. Beim Gedanken daran, mit dem grummeligen alten Busfahrer reden zu m\u00fcssen, wurde mir \u00fcbel. Konnte ich nicht einfach Schwarzfahren? Nein, w\u00fcrde ich erwischt werden, w\u00e4re es noch schlimmer. Wahrscheinlich w\u00fcrde mich auch noch die Polizei einsammeln, und mit ernsten Polizisten hatte ich noch weniger Lust zu reden.<\/p>\n<p>Ich holte tief Luft, setzte schnell meine Maske auf, wickelte mir meinen gro\u00dfen Schal noch\u00a0einmal um den Hals, und ging langsam die Stufen hoch. Ich starrte auf den Boden und mit leiser Stimme murmelte\u00a0ich: ,,Eine Kinderfahrkarte bitte\u201c und versteckte mich noch ein bisschen tiefer in meinen Schal.<\/p>\n<p>\u201eGeht\u00b4 s noch leiser?\u201c, fragte der alte Busfahrer gereizt. Erschrocken hob ich meinen Kopf. Mein Herz begann schneller zu schlagen und meine H\u00e4nde wurden feucht.<\/p>\n<p>\u201eHallo, ich rede mit dir.\u201c, sagte er langsam und mit lauter Stimme. Ich schaute ihm kurz in die Augen, doch blickte gleich wieder nach unten und vergrub meine H\u00e4nde noch etwas tiefer in meinen Taschen.<\/p>\n<p>\u201eEine Kinderfahrkarte bitte.\u201c, wiederholte ich diesmal etwas lauter und mit zitternder Stimme.<\/p>\n<p>\u201eM\u00e4dchen du musst lauter reden, ich verstehe dich nicht! Oder nimm die bl\u00f6de Maske ab, wenn du nicht laut genug reden kannst!\u201c, maulte er mich an. Ich zuckte\u00a0zur\u00fcck, mein Gesicht noch immer versteckt\u00a0von meiner Maske und von meinem Schal.<\/p>\n<p>\u201eHallo, geht es bitte etwas schneller? Du bist hier nicht die einzige im Bus!\u201c, h\u00f6rte ich eine weibliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich langsam um und sah eine alte Dame, die sich auf ihren Stock st\u00fctzte und mich genervt ansah.<\/p>\n<p>\u201eTut mir leid.\u201c, fl\u00fcsterte ich und schob mich an ihr vorbei nach drau\u00dfen. Mir war zum Heulen zumute.<\/p>\n<p>An diesem Tag lief ich nach\u00a0Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWillst du mit zu mir kommen? Wir k\u00f6nnten zusammen Mathe lernen.\u201c, fragte\u00a0mich\u00a0meine beste Freundin Julia. \u201eKann nicht. Du wei\u00dft doch, dass meine Eltern bis Samstag in Berlin sind.\u201c, antwortete ich bedauernd. ,,Ja und? 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