{"id":1913,"date":"2021-06-04T11:22:51","date_gmt":"2021-06-04T09:22:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1913"},"modified":"2022-10-03T13:33:57","modified_gmt":"2022-10-03T11:33:57","slug":"justin-heller-alles-ist-anders-3-platz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/justin-heller-alles-ist-anders-3-platz\/","title":{"rendered":"Justin Heller: Alles ist anders \u2013 3. Platz"},"content":{"rendered":"<p><span data-contrast=\"auto\">Ich bin Drau\u00dfen, in einem Park, lache mit den Menschen, die mir wichtig sind. Ich f\u00fchle mich unbeschwert, fast schon unantastbar. Ich verfolge Ziele und habe W\u00fcnsche. Ich f\u00fchle alles, was um mich herum geschieht. Ich bin lebendig, aber pl\u00f6tzlich ist alles anders, alles ist Weg. Ich bin in einer neuen Welt, einer Welt die verkehrt ist und mir angst macht.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich starre nachts\u00a0aus dem\u00a0Fenster, und stelle mir immer vor wie die\u00a0Zeit\u00a0an mir vorbeizieht. In einem\u00a0Moment\u00a0erblicke ich die\u00a0Sonne, wie sie den\u00a0Tieren\u00a0kraft und der\u00a0Natur\u00a0Farbe\u00a0schenkt, alles lebt bis es auf einmal alles verblast. Ich blinzle, was ist passiert. Ich\u00a0liege in\u00a0meinem\u00a0Bett. Meine\u00a0F\u00fc\u00dfe\u00a0frieren.\u00a0\u00a0Als ich sie sanft aneinander reibe, schwimmt eine\u00a0vage\u00a0Erinnerung\u00a0an die Oberfl\u00e4che\u00a0meines\u00a0Bewusstseins.\u00a0Ich l\u00e4chle ohne ein\u00a0Gef\u00fchl\u00a0zu versp\u00fcren,\u00a0ohne\u00a0zu wissen\u00a0wieso.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich versuche mich\u00a0an meine\u00a0Vergangenheit erinnern. Wie\u00a0war es damals? Als ob es schon\u00a0Ewigkeiten\u00a0her sei. Etwas hat sich um meine\u00a0Seele gelegt,\u00a0ihr alle\u00a0Farben\u00a0entzogen und meinen\u00a0Gef\u00fchlen\u00a0die\u00a0Lautst\u00e4rke\u00a0abgedreht. Ich\u00a0wei\u00df\u00a0nicht mehr was es bedeutet zu leben. Ich versuche mich \u00fcber kleine\u00a0Dinge\u00a0zu\u00a0freuen,\u00a0wie einen warmen\u00a0Kakao\u00a0zu trinken, aber die Stimmen in meinem\u00a0Kopf\u00a0fl\u00fcstern mir zu,\u00a0dass alles\u00a0sinnlos\u00a0sei. Ich bin wie\u00a0bet\u00e4ubt\u00a0und erlebe alles aus der dritten Perspektive, es ist komisch mir selbst zu zuschauen,\u00a0aber\u00a0jeder\u00a0einzelne\u00a0Moment\u00a0verblasst.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">\u00a0Manchmal ist es in mir so\u00a0still, einfach\u00a0nichts mehr. Nicht mal Leere. Ich kann mich selbst\u00a0nicht\u00a0sp\u00fcren. Wie eine leere\u00a0H\u00fclle, eines\u00a0Schmetterlings,\u00a0der sich aus seinem\u00a0Kokon\u00a0befreit, in die Freiheit fliegt, und ihn\u00a0in der\u00a0Dunkelheit zur\u00fcckl\u00e4sst.\u00a0Die\u00a0Zeit\u00a0zieht\u00a0an mir vorbei, als fiel ich aus ihr heraus. Ich glaube\u00a0nicht mal,\u00a0dass\u00a0sie mich vermisst. Ich existiere, ohne\u00a0einen\u00a0Wunsch\u00a0au\u00dfer mich selbst verschwinden zulassen.\u00a0 Alles ist taub. Gefangen.\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Eines\u00a0Abends\u00a0ging ich ins\u00a0Bad, wie immer war es dunkel, etwas funkelte. Eine klinge,\u00a0ich starrte sie einfach an,\u00a0w\u00e4hrend das\u00a0Wasser\u00a0weiter meinen\u00a0Nacken\u00a0herunterfloss. Ich sollte\u00a0aufstehen,\u00a0das\u00a0Licht\u00a0anmachen mich abtrocknen und schlafen, ich schaffe es nicht. Ich nahm die klinge in die\u00a0Hand. Ich wei\u00df\u00a0nicht\u00a0wer\u00a0ich bin und will nicht so sein. Ich zog\u00a0die sch\u00f6ne,\u00a0scharfe\u00a0Klinge \u00fcber meine nasse Haut. Das\u00a0Gef\u00fchl, unbeschreiblich. Es\u00a0versetzt mich zur\u00fcck in die\u00a0Realit\u00e4t, als sei\u00a0ich die\u00a0ganze Zeit\u00a0Unterwasser\u00a0gefangen\u00a0gewesen. Ich kann wieder aufatmen. Ich f\u00fchle\u00a0mich befreit.\u00a0 Es blutet und ich Lebe. Die Stimmen in meinem\u00a0Kopf verlangen nun jeden Tag nach Schmerz. Ich\u00a0will leben,\u00a0aber\u00a0der Schmerz\u00a0ist\u00a0eine Sucht,\u00a0ein\u00a0uners\u00e4ttliches Verlangen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">\u00a0Ich schlie\u00dfe meine\u00a0Augen, warte darauf, dass\u00a0der sch\u00f6ne Schlaf mich erl\u00f6st, aber\u00a0meine\u00a0Gedanken,\u00a0sie h\u00f6ren nicht auf, sie sind einfach\u00a0zu laut.\u00a0Zu laut\u00a0f\u00fcr meinen\u00a0Kopf. Es ist wie ein\u00a0Universum,\u00a0was jeden\u00a0Moment\u00a0droht zu implodieren. Ich will wieder weinen k\u00f6nnen und gl\u00fccklich sein, dass die\u00a0Welt\u00a0ein\u00a0Sinn ergibt. Der\u00a0Schmerz\u00a0gibt mir,\u00a0nur f\u00fcr\u00a0einen\u00a0kleinen\u00a0Augenblick,\u00a0das\u00a0Gef\u00fchl\u00a0wieder lebendig zu sein.\u00a0 Doch die\u00a0Welt tut das\u00a0nicht. Sie ergibt\u00a0keinen Sinn. Auf jeden\u00a0Tag folgt\u00a0ein noch elendiger. Wir\u00a0Menschen\u00a0sind\u00a0alle\u00a0der\u00a0Schlinge\u00a0des\u00a0Universums, der Gesellschaft\u00a0ausgesetzt,\u00a0trotzdem verstehe ich\u00a0nichts. Mein\u00a0Kopf\u00a0ist zu voll, zu voll um zu denken, um zu verstehen. Warum habe ich ein\u00a0Bewusstsein,\u00a0wenn ich eh nur in ihm gefangen bin?<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich werde gefragt\u00a0wie die Schule war. Ich\u00a0\u00fcberlege,\u00a0erinnere\u00a0mich kaum. Stumm flie\u00dft jeder\u00a0Tag an mir vorbei, ein endloser\u00a0Wirbel, ein\u00a0schwarzer\u00a0Schatten, der mich verfolgt. Immer sind es\u00a0dieselben\u00a0Gespr\u00e4che,\u00a0dieselben\u00a0b\u00f6sen\u00a0Gedanken.\u00a0Wann ist es endlich vorbei?\u00a0\u00a0Ich\u00a0f\u00fchle mich aufbrausend und im n\u00e4chsten Moment leise, unberechenbar eben. Meine Gedankeng\u00e4nge, das reinste Chaos, komplett durcheinander.\u00a0Keiner schenkt mir Aufmerksamkeit, ich bin alleine. Ich werde nur dumm\u00a0angestarrt und es ist nicht mal frustrierend. Es ist alles gleichg\u00fcltig. Egal was ich f\u00fcr die Menschen\u00a0tue, keiner wei\u00df es Wert zu sch\u00e4tzen. Ich bin ein nichts, ein niemand. Werde ich jemals akzeptiert?\u00a0Kann ich mich jemals wieder besser f\u00fchlen?<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">\u00a0Ich sehe wie sich ein man morgens\u00a0auf dem\u00a0Weg\u00a0zur\u00a0Schule aus einem\u00a0Hochhaus\u00a0st\u00fcrzt. Ich\u00a0schaue\u00a0mir seinen leblosen, entstellten\u00a0K\u00f6rper\u00a0an.\u00a0Ich sp\u00fcre nichts, wie ein krankhaft gest\u00f6rter\u00a0starre ich ihn an, dringe in seine Seele\u00a0ein. Er\u00a0schrie nicht, als er sprang. War er gl\u00fccklich,\u00a0als er starb?\u00a0 Ist der\u00a0Tod\u00a0die\u00a0Erl\u00f6sung, um ewig frei zu sein?\u00a0Ist\u00a0es das,\u00a0wonach ich mich sehne?<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich rede nur noch mit mir selbst, jedes Lachen ist gestellt, es soll nicht auffallen. Ich funktioniere, das\u00a0 einzige was z\u00e4hlt. Alles nur gespielt, alles nur falsch. 7 Milliarden Leben wandeln auf Erden, also wie besonders kann meins schon\u00a0werden?\u00a0 Keiner hat mich gefragt, ob ich geboren werden will, weder Ziele noch W\u00fcnsche. Warum? Ich denke nach, streiche \u00fcber meine rauen Finger. Sind sie noch da, wo ich bin? Depression ist wie eine unheilbringende Wolke, die einen verschling, die einem alles raubt. Sie verfolgt einen, bis man verschwindet. Sie tr\u00fcbt meinen Tag, l\u00e4sst ihn in Dunkelheit\u00a0h\u00fcllen. Depression kann durch Schmerz f\u00fcr einen kurzen Moment verdr\u00e4ngt werden, doch sie ist leider zuverl\u00e4ssig und kehrt immer wieder zur\u00fcck.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:200,&quot;335559740&quot;:276}\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Drau\u00dfen, in einem Park, lache mit den Menschen, die mir wichtig sind. Ich f\u00fchle mich unbeschwert, fast schon unantastbar. Ich verfolge Ziele und habe W\u00fcnsche. Ich f\u00fchle alles, was um mich herum geschieht. Ich bin lebendig, aber pl\u00f6tzlich ist alles anders, alles ist Weg. Ich bin in einer neuen Welt, einer Welt die <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/justin-heller-alles-ist-anders-3-platz\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Justin Heller: Alles ist anders \u2013 3. 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