{"id":1574,"date":"2019-05-27T00:00:20","date_gmt":"2019-05-26T22:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1574"},"modified":"2019-05-20T21:08:35","modified_gmt":"2019-05-20T19:08:35","slug":"es-bleibt-fantastisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/es-bleibt-fantastisch\/","title":{"rendered":"Es bleibt fantastisch"},"content":{"rendered":"<p>,,Da vorne ist noch etwas frei!\u201d<\/p>\n<p>Es war Valentinstag und nach dem Besuch im Kino beschlossen wir, den Tag mit Kaffee und Kuchen abzurunden. Emma nickte mir zu und Hand in Hand begaben wir uns zu einem freien Platz. Er befand sich relativ weit hinten, sodass man von dort aus einen guten \u00dcberblick auf das Cafe hatte. Zumindest, wenn man wie Emma an der Wand sa\u00df und nicht wie ich von ihrer liebreizenden Freundin dazu \u00fcberredet worden war, der Aussicht den R\u00fccken kehren zu m\u00fcssen. ,,Eines Tages gebe ich nicht nach...\u201d, murmelte ich. Sie dr\u00fcckte mir erneut einen Kuss auf die Wange. ,,Denke ich nicht.\u201d<\/p>\n<p>Ein verspieltes Zwinkern sorgte daf\u00fcr, dass Pudding meine Knie ersetzte und pl\u00f6tzlich war ich froh, mich schon hingesetzt zu haben. Emma und ich waren schon lange gute Freundinnen gewesen, schon seit ich denken kann. Wir gingen zusammen in den Kindergarten, wurden derselben Grundschulklasse zugeteilt und belegten nun in der Oberstufe fast \u00fcberall die selben Kurse. Vor zwei Jahren jedoch gestand Emma mir, dass sie mich als mehr als nur eine gute Freundin sah, dass sie sich in mich verliebt h\u00e4tte. Ich empfand das gleiche f\u00fcr sie und so kam es, dass wir beide ein Paar wurden.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen meiner Tr\u00e4ume bl\u00e4tterte nun also nachdenklich in der Kuchen-Karte und einmal mehr fiel mir auf wie hoffnungslos ich mich in sie verliebt hatte. Die Art, wie sie sich ihr blondes Haar hinter das Ohr klemmte, ihre Finger elegant mit einer der Seitenkanten der Karte spielten, w\u00e4hrend ihre Augen ein Angebot nach dem anderen \u00fcberflogen, l\u00f6sten Herzspr\u00fcnge bei mir aus.<\/p>\n<p>,,Amelie? Bist du noch da?\u201d Ihre s\u00fc\u00dfe Stimme holte mich aus meiner Trance und ich schreckte leicht hoch. ,,Alles okay bei dir? Du wirkst abgelenkt.\u201d Ich kratzte mich am Hinterkopf. ,,Ne, alles gut. Wei\u00dft du schon, was du willst?\u201d Ungl\u00e4ubig zog sie eine Augenbraue hoch. Was auch immer sie dachte, sie entschied sich es nicht auszusprechen.<\/p>\n<p>Dem Rot ihrer Wangen zu urteilen, hatte sie mein Starren jedoch bemerkt. ,,Das hier fand ich gut\u2019\u2019. Sie drehte die Karte zu mir um, sodass ich lesen konnte, was darauf stand. Es war ein kleiner Schokokuchen mit fl\u00fcssigem Kern. Ein Valentinstag-Special nur f\u00fcr Paare. Ich nickte. ,,Zu schokoladigem sag\u2019 ich nicht nein.\u201d Sie murmelte etwas davon, wie gut sie mich ja kenne. Was sie genau sagte konnte ich aber nicht verstehen. Mir war generell aufgefallen, dass sie seit dem Film sehr ruhig geworden war, wo sie doch sonst immer so gespr\u00e4chig veranlagt ist. Ihr nachdenklicher Blick war auf irgendeinen Punkt auf dem Tisch fixiert und in ihren Augen lag etwas, dass mir Sorge bereitete. Benennen konnte ich es aber nicht genau.<\/p>\n<p>,,Hey, schau nicht so betr\u00fcbt. Sag deiner Freundin was los ist.\u201d Ich piekste sie leicht in die Wange, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und sie gab mir ein leises Seufzen als Antwort. ,,Es ist der Film\u2026\u201d ,,Hat er dir nicht gefallen? Ich fand ihn nicht schlecht, auch wenn das Outfit des<br \/>\nHauptcharakters viel zu eng war.\u201d Sie schnaubte belustigt und legte ihre Hand auf meine. ,,Auch wenn du recht hast, das meinte ich nicht.\u201d Sie lehnte sich nach vorne. ,,Hat es dich nicht gest\u00f6rt, dass der eine so fr\u00fch gestorben ist? Du wei\u00dft schon, der mit der Brille.\u201d<\/p>\n<p>Angestrengt dachte ich nach.<br \/>\n,,Meinst du den, der sich als schwul geoutet hat?\u201d Ich \u00fcberlegte. ,,Naja, er hatte jetzt keine gro\u00dfartige Rolle im Film, da hat mich sein Tod eher m\u00e4\u00dfig mitgenommen.\u201d ,,Aber genau das meine ich! Der Film hat so viel Werbung gemacht, dass sie ja so fortschrittlich seien und sogar einen schwulen Charakter eingebaut h\u00e4tten.\u201d Sie sch\u00fcttelte den Kopf. ,,Stattdessen hatten wir ein laufendes Klischee, dass f\u00fcr die Geschichte v\u00f6llig unn\u00f6tig war und nach gef\u00fchlten zehn Minuten gestorben ist.\u201d Ihre Stimme triefte vor bitterem Sarkasmus und ihr \u00c4rger stand ihr f\u00f6rmlich ins Gesicht geschrieben. Es tat weh sie so zu sehen, doch ich schwieg und lie\u00df sie weiter sprechen.<\/p>\n<p>,,Ist es zu viel verlangt die Sexualit\u00e4t von jemandem, der nicht Hetero ist, einfach mal nicht an die gro\u00dfe Glocke zu h\u00e4ngen? Uns so zu behandeln, wie man es mit jedem Heteropaar macht? Wir sind doch auch nur gew\u00f6hnliche Menschen\u2026\u201d Ich dr\u00fcckte ihre Hand, vermied aber den Blickkontakt. Ich wusste einfach nicht, was ich dazu sagen sollte.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck kam endlich ein Kellner an den Tisch, sodass wir unser Gespr\u00e4ch kurzzeitig pausieren mussten. ,,Was kann ich euch bringen?\u201d Er sah gelangweilt aus, als w\u00fcrde er verzweifelt die Minuten bis zum Feierabend z\u00e4hlen. Emma lie\u00df meine Hand los und bestellte sich einen Kaffee, w\u00e4hrend ich mich f\u00fcr eine hei\u00dfe Schokolade entschied. Der Kellner schrieb sich alles mit einer solch monotonen Gestik auf, dass ich bei seinem Anblick selbst das Verlangen hatte zu g\u00e4hnen. Als wir aber das Valentinstag-Special erw\u00e4hnten, sch\u00fcttelte er den Kopf. ,,Tut mir leid, aber das ist nur f\u00fcr P\u00e4rchen.\u201d<\/p>\n<p>Emma setzte sich etwas gerader hin. ,,Genau. Deshalb haben wir das auch bestellt.\u201d Man konnte f\u00f6rmlich sehen, wie sich die Zahnr\u00e4der in seinem Kopf drehten und es dauerte auch nicht lange bis er es endlich verstanden hatte. Er zog die Augenbrauen nach oben und seine Mundwinkel bewegten sich in dieselbe Richtung. ,,Aber nat\u00fcrlich meine H\u00fcbschen, ein Valentinstag-Special kommt sofort!\u201d Er zwinkerte uns beiden zu, so wie man es von Typen aus schlechten Romanzen kennt und ich bemerkte wie Emma ihm genervt hinterher schaute. Ich nahm ihre Hand in meine und versuchte sie etwas zu tr\u00f6sten. ,,Ignorier es einfach.\u201d<\/p>\n<p>,,Aber st\u00f6rt es dich nicht?\u201d. Sie entzog mir wieder ihre Hand und legte sie vor sich auf den Tisch. ,,W\u00e4re einer von uns ein Junge gewesen, w\u00fcrde uns sowas nicht passieren. Warum kann man uns nicht behandeln, wie jeden anderen auch?\u201d Zum wiederholten Mal seufzte sie. ,,Manchmal kann ich nicht anders als mir eine Welt vorzustellen, in welcher wir nicht behandelt werden wie irgendwelche Fantasiewesen; In welcher Menschen wie wir einfach das sind: Menschen.\u201d Ich sch\u00fcttelte den Kopf. ,,Emma, h\u00f6r bitte auf damit. Freu dich doch lieber \u00fcber das, was wir haben.\u201d<\/p>\n<p>Ich versuchte sie mit einem L\u00e4cheln zu tr\u00f6sten, doch sie lie\u00df nur den Kopf h\u00e4ngen. Dieser Anblick brach mir fast das Herz. ,,Ich wei\u00df. Aber es ist doch erlaubt, dar\u00fcber zu fantasieren?\u201d Ich schwieg. Wieder wusste ich nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich wusste, was sie meinte, das tat ich wirklich. Nicht selten dachte ich genauso. Wieso ist es eine so gro\u00dfe Sache, Gef\u00fchle f\u00fcr jemanden mit dem gleichen Geschlecht zu hegen? Warum kann ich meiner Familie nicht einfach stolz von meiner Freundin berichten? Wo ist das Problem, uns einmal nicht wie seltene Wesen, wie eine Attraktion zu behandeln?<\/p>\n<p>Auch ich stellte mir nun eine Welt vor, in welcher wir sein d\u00fcrfen, wer wir sind. In welcher wir nicht als unnat\u00fcrlich angesehen werden, uns nicht daf\u00fcr sch\u00e4men m\u00fcssen. Eine Welt, in welcher Hass und Scham keine nat\u00fcrliche H\u00fcrde im Lauf unseres Lebens darstellt und ich mochte diese Welt. Sie erf\u00fcllte mich mit Freude, mit Erleichterung und mit Freiheit und ich w\u00fcnschte mir sie w\u00e4re Realit\u00e4t. Ich w\u00fcnschte es mir so sehr.<\/p>\n<p>Eine Kellnerin kam an unseren Tisch und stellte unsere Bestellungen unsanft auf dem Tisch ab, sodass etwas von Emmas Kaffee auf die Tischdecke schwappte. Die Kellnerin sah uns nicht an, w\u00fcnschte uns nicht einen guten Appetit, fragte uns nicht, ob wir nicht noch einen Wunsch h\u00e4tten, zeigte keine Anzeichen von Reue \u00fcber die versch\u00fctteten Kaffee.<\/p>\n<p>So sehr ich es mir also w\u00fcnschte, mit Emma in einer solch fantastischen Welt, frei von jeglichen Gewichten der Schuld, des Schams und des Hasses zu leben, es w\u00fcrde immer dabei bleiben: Ein Wunsch. So fantastisch diese Realit\u00e4t w\u00e4re, es bleibt dabei.<\/p>\n<p>Sie bleibt fantastisch.<\/p>\n<p>\u00a92019 SchreibKunst-Blog\/ Mira Durak (Q2)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>,,Da vorne ist noch etwas frei!\u201d Es war Valentinstag und nach dem Besuch im Kino beschlossen wir, den Tag mit Kaffee und Kuchen abzurunden. Emma nickte mir zu und Hand in Hand begaben wir uns zu einem freien Platz. 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