{"id":1564,"date":"2019-05-25T00:00:25","date_gmt":"2019-05-24T22:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1564"},"modified":"2019-05-26T10:18:01","modified_gmt":"2019-05-26T08:18:01","slug":"perspektivwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/perspektivwechsel\/","title":{"rendered":"Einmal Perspektivwechsel ohne Zucker und Milch, bitte."},"content":{"rendered":"<p>,,Das ist ja fantastisch!\u2018\u2018, rief der alte,wei\u00dfe Mann aus seinem Sessel heraus. Soeben teilte ein Mitarbeiter seiner Firma ihm mit, dass der millionenschwere Deal mit einer saudischen Erd\u00f6lgesellschaft stattfinden w\u00fcrde. Dem Mann stand die Gier f\u00f6rmlich in seinem Gesicht -nein, in seinen Augen- geschrieben.<\/p>\n<p>,,Fantastisch..wirklich fantastisch...\u2018\u2018, murmelte er zufrieden in seinen Bart.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr welchen Preis? Wer bezahlt wirklich daf\u00fcr? ,,Das ist ja fantastisch!\u2018\u2018, die Frau umarmte ihren Ehemann voller Enthusiasmus. Dieser kam n\u00e4mlich mit der frohen Botschaft nach Hause, eine Gehaltserh\u00f6hung erhalten zu haben. ,,Da haben sich all die \u00dcberstunden wohl doch beim Chef bemerkbar gemacht,nicht?\u2018\u2018, sie strahlte ihn mit ihren unnat\u00fcrlich wei\u00dfen, perfekten Z\u00e4hnen an.<\/p>\n<p>,,Vielleicht k\u00f6nnten wir dieses Jahr noch ein drittes Mal verreisen. Wieder auf die Boa Boa? Mal schauen\u2018\u2018, der Mann stellte sein Weinglas auf den K\u00fcchentresen ab. ,,Aber auf Boa Boa waren wir doch schon, ich w\u00fcrde viel lieber nach Capri! Oder nach Doha!\u2018\u2018, der Mann zuckte als Antwort nur mit den Achseln. ,,Mir egal, ich will eigentlich nur Zeit mit dir verbringen.\u2018\u2018, er dr\u00fcckte einen Kuss auf ihren Mund und schaltete den gro\u00dfen, teuren Fernseher an.<\/p>\n<p>,,Das ist ja fantastisch!\u2018\u2018, der Junge hielt breit grinsend seine Zusage f\u00fcr eine der angesehensten Universit\u00e4ten hoch. Seine Mutter zog ihn in eine enge Umarmung und dr\u00fcckte ihn fest.<\/p>\n<p>,,Ich bin so stolz auf dich!\u2018\u2018. Er war gl\u00fccklich. Nicht nur, weil er seit Langem mal wieder seine Mutter gl\u00fccklich sehen konnte. Sondern weil er nach monatelanger harter Arbeit, wenig Schlaf und - ach,all die N\u00e4chte, die er durchmachen musste! - das ganze Lernen... \u2013 all das hatte sich ausgezahlt. Zufrieden zog er sich aus der Umarmung heraus und setzte sich an den kleinen Esstisch, in der genauso kleinen K\u00fcche, in der genauso kleinen Wohnung.<\/p>\n<p>Das Essen auf dem Herd ist gerade fertig geworden und w\u00e4hrend die alleinerziehende Mutter den Tisch deckte, dachte sie nach. Sie war nur bei der Geburt ihres Sohnes noch gl\u00fccklicher als jetzt. Seit seiner Kindheit machte sie sich um seine Zukunft Sorgen. Sie hatte Angst, dass er vielleicht so enden w\u00fcrde wie die vielen anderen Kinder aus ihrer Nachbarschaft: Drogen, Alkohol und nicht selten auch kriminell. Doch in eine bessere Gegend umzuziehen kam nie in Frage, dazu reichte das Geld einfach nicht. Hat es noch nie. Umso erleichterter war sie als sie von einem seiner Lehrer kontaktiert wurde, der das Potential ihres Kindes erkannte und ein Stipendium organisierte.<\/p>\n<p>,,Hier, Liebling\u2018\u2018, sie stellte das Essen vor ihm hin und schon st\u00fcrzte er sich freudig darauf. Danke Gott.F\u00fcr alles, dachte sie, w\u00e4hrend sie ihrem Sohn beim Essen zusah.<\/p>\n<p>,,Das ist ja fantastisch!\u2018\u2018, ein junges M\u00e4dchen, das am Wegesrand sa\u00df, sah zu einem P\u00e4rchen hin\u00fcber. Die Frau hielt ein Ultraschallbild hoch, w\u00e4hrend der Mann sie st\u00fcrmisch umarmte. Da scheint wohl jemand schwanger zu sein, dachte das M\u00e4dchen.Wie sch\u00f6n. Der schneidend kalte Wind fuhr durch ihre Kleidung. Sie versuchte wenigstens ihr Gesicht in ihrem zerschlissenen Schal zu sch\u00fctzen und vergrub es darin. Der Himmel \u00fcber ihr verdunkelte sich langsam mit grauen Wolken.<\/p>\n<p>Bitte kein Regen!, dachte sie. Wo sollte sie denn hin, wenn es so sp\u00e4t Abends zu st\u00fcrmen anf\u00e4ngt? Ein Zuhause hatte sie nicht. Au\u00dfer man nennt die Stra\u00dfen dieser Stadt ihr Zuhause. Aber ist ein Zuhause nicht eher warm, voller Liebe und,naja,Essen? Sie wusste es nicht; fast ihr ganzes Leben verbrachte sie n\u00e4mlich schon auf der Stra\u00dfe. Solange schon, dass sie nicht einmal wusste, wie es dazu kam. Sie stand auf und machte sich auf die Suche nach einem Schlafplatz, oder zumindest nach einer \u00fcberdachten Stelle. Frierend und zitternd machte sie sich mit ihren wenigen Habseligkeiten auf den Weg. Doch nach nur ein paar Minuten wurde ihre Bef\u00fcrchtung wahr : es fing an zu regnen. Fluchend stellte sie sich unter den n\u00e4chstbesten Dachvorsprung. Sie ging in die Hocke und vergrub frustriert ihr dreckiges Gesicht in ihren Armen. W\u00e4re es nicht so kalt, so h\u00e4tte sie sich eigentlich unter den Regen gestellt um wenigstens ein bisschen Dreck von ihrem K\u00f6rper abwaschen zu k\u00f6nnen. Aber sie wollte keine Krankheiten riskieren, das w\u00e4re ein Todesurteil f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Das K\u00f6rper des M\u00e4dchens wurde langsam von einem Beben \u00fcbermannt. Sie fing leise an zu schluchzen, weinte f\u00fcr sich. So wie sonst immer auch. Sie dachte daran in welch einer Situation sie leben muss, wie keiner sich um sie k\u00fcmmert und wie sie wahrscheinlich auf den Stra\u00dfen ein armseliges Leben sterben muss. Dabei war sie doch gerade mal 12.<\/p>\n<p>,,Ich will doch nur ein Zuhause...\u2018\u2018, schluchzte sie. Das Weinen wurde schlimmer. ,,Hey, ist alles in Ordnung?\u2018\u2018, die Stimme ging fast im Ger\u00e4usch des Regens und ihrem Heulen unter. Doch sie warf trotzdem einen kleinen Blick nach oben. Ein Mann stand vor ihr, neben ihm eine Frau. Sie erkannte beide wieder, es war das P\u00e4rchen von vorhin.<\/p>\n<p>In all den Jahren, in denen sie mehrmals auf der Stra\u00dfe weinend zusammenbrach, hat nicht einer gefragt wie es ihr geht. Jetzt konnte sie nicht mehr aufh\u00f6ren zu weinen. ,,Nein.\u2018\u2018,schluchzte sie. ,,Nichts ist in Ordnung.\u2018\u2018, sie brach zusammen und lie\u00df all ihren Gef\u00fchlen freien Lauf. Das P\u00e4rchen leistete ihr dabei stille Gesellschaft, bis die Frau diese Stille unterbrach.<\/p>\n<p>,,Brauchst du zuf\u00e4llig eine Familie?\u2018\u2018, sie l\u00e4chelte das kleine M\u00e4dchen an. Ihr L\u00e4cheln strahlte G\u00fcte aus, und W\u00e4rme. F\u00fchlt sich so Zuhause an? Dinge, die das M\u00e4dchen so vorher noch nicht kennengelernt hatte. Sie nickte als Antwort langsam, in ihrem dreckverschmierten Gesicht blitzte ein F\u00fcnkchen Hoffnung auf.<\/p>\n<p>,,H\u00e4ttest du was dagegen, wenn wir uns ab sofort um dich k\u00fcmmern?\u2018\u2018, sie blickten beide erwartungsvoll auf das M\u00e4dchen. Und wieder sch\u00fcttelte sie ihren Kopf. ,,Nein...\u2018\u2018, ihre Stimme zitterte. Und brach abermals in Tr\u00e4nen aus. Diesmal war es aber fast schon so, als w\u00fcrde der Regen ihre Sorgen wegsp\u00fclen.<br \/>\nWas blieb, war ein warmes Gef\u00fchl tief in ihrem kleinen Brustkorb.<\/p>\n<p>Ein kleiner zierlicher Junge l\u00e4uft durch die Ruinen seiner Nachbarschaft. Sein geschundener K\u00f6rper kann ihn gerade so tragen; ein Wunder, dass er das letzte Bombardement \u00fcberlebt hatte.<\/p>\n<p>,,Mama..\u2018\u2018, weinte es. ,,Baba... wo seid ihr?\u2018\u2018 Ein unkontrollierbares Schluchzen ersch\u00fctterte seinen winzigen K\u00f6rper. Die Tr\u00e4nen hinterlie\u00dfen auf seinen von Asche bedeckten Wangen einen nassen Pfad.<\/p>\n<p>Nichts au\u00dfer sein Schluchzen und Weinen waren zu h\u00f6ren. Eine ungewohnte Stille, die diese Gegend schon seit fast zwei Wochen nicht mehr kannte. Das Kind streifte ziellos durch seine alte aber nun zerst\u00f6rte Nachbarschaft, bis es sich erm\u00fcdet auf einen Mauerstein setzte. Es vergrub sein Gesicht in den dreckigen,zittrigen H\u00e4nden und weinte. Und weinte, und weinte, und h\u00f6rte nicht auf zu weinen.<\/p>\n<p>Er war noch sehr jung aber trotzdem wusste er, was es bedeuten kann wenn Krieg herrschte: Tod. Trauer. Alleinsein. Aber er hatte doch immer seine Eltern und gro\u00dfen Geschwister? Wie soll er denn auf sich alleine gestellt leben k\u00f6nnen? Sein Weinen wurde noch unkontrollierbarer, st\u00e4rker und schon fast animalisch. Er fing an zu realisieren, dass er jetzt allein war. F\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Allein. Ein so kleines, unschuldiges Kind. Was konnte er denn schon f\u00fcr die Probleme der Erwachsenen? ,,JEBRAIL?\u2018\u2018, rief jemand aus der Ferne. Sein Kopf zuckte beim Klang seines eigenen Namens hoch. Er sprang auf und sah sich um. Diesmal fing er vor Freude und Erleichterung an zu weinen, denn er sah seine gro\u00dfe Schwester und seine Mutter. Er rannte auf sie zu und war unendlich erleichtert niemanden verloren zu haben. Wo sein Vater und gro\u00dfer Bruder waren, diese Frage verdr\u00e4ngte er.<br \/>\nUnd nicht mehr allein sein zu m\u00fcssen, dar\u00fcber war er auch froh.<br \/>\nFantastisch, nicht?<\/p>\n<p>Ist es nicht witzig, was verschiedene Menschen von verschiedenen Herk\u00fcnften als fantastisch empfinden? W\u00e4hrend der Mann mit dem dicken Geldbeutel sich dar\u00fcber freut, noch mehr Geld machen zu k\u00f6nnen \u2013 weil die Millionen auf seinen Schweizer Konten nicht reichen, nicht ? - , ist eine Mutter froh dar\u00fcber, ihrem Kind eine anst\u00e4ndige Zukunft bieten zu k\u00f6nnen. Und noch weiter weg,da sterben Kinder und hinterlassen Familien zur\u00fcck;da sterben Familien und lassen Kinder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ist das nicht unheimlich komisch und traurig? Wie wir doch alle wissen, was viele Menschen erleiden m\u00fcssen, doch trotzdem mit Scheuklappen durch\u2018s Leben gehen. Wohl wissend, was um uns herum geschieht, aber es ignorieren weil die Realit\u00e4t uns zu sehr Angst macht; weil es uns in unserer Bequemlichkeit beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte, das w\u00e4re alles nur fiktiv und ausgedacht, all das unn\u00f6tige Leid w\u00e4re nur ein Hirngespinst. Aber es ist real.<br \/>\nIch w\u00fcnschte, wir alle w\u00fcrden endlich von unseren Wunschtr\u00e4umen erwachen. Aber wer will das schon? Ich w\u00fcnschte, in meinem Kopf w\u00fcrden nur allerlei fantastischen Vorstellungen spuken. Aber das tut es nicht.<\/p>\n<p>\u00a92019 SchreibKunst-Blog\/ Sultan Koras (Q4)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>,,Das ist ja fantastisch!\u2018\u2018, rief der alte,wei\u00dfe Mann aus seinem Sessel heraus. Soeben teilte ein Mitarbeiter seiner Firma ihm mit, dass der millionenschwere Deal mit einer saudischen Erd\u00f6lgesellschaft stattfinden w\u00fcrde. Dem Mann stand die Gier f\u00f6rmlich in seinem Gesicht -nein, in seinen Augen- geschrieben. ,,Fantastisch..wirklich fantastisch...\u2018\u2018, murmelte er zufrieden in seinen Bart. Doch f\u00fcr welchen <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/perspektivwechsel\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Einmal Perspektivwechsel ohne Zucker und Milch, bitte.\"<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"footnotes":""},"categories":[329,328,42],"tags":[330,350,334,7,68,59,23,45,178,356,349,144],"class_list":{"0":"post-1564","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-aside","6":"category-329","7":"category-fantastisch","8":"category-luo-literaturpreis","9":"tag-330","10":"tag-einmal-perspektivwechsel-ohne-zucker-und-milch","11":"tag-fantastisch","12":"tag-geschichte","13":"tag-jahrgaenge-e-q4","14":"tag-klasse-e-q4","15":"tag-literaturwettbewerb","16":"tag-luo-literaturpreis","17":"tag-oberstufe","18":"tag-perpektive","19":"tag-perspektivwechsel","20":"tag-q4","21":"post_format-post-format-aside","22":"h-entry","23":"hentry","24":"h-as-note"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1564"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1573,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1564\/revisions\/1573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}