{"id":1562,"date":"2019-05-24T00:00:55","date_gmt":"2019-05-23T22:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1562"},"modified":"2019-05-20T21:12:49","modified_gmt":"2019-05-20T19:12:49","slug":"fantastischer-wahnsinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/fantastischer-wahnsinn\/","title":{"rendered":"Fantastischer Wahnsinn"},"content":{"rendered":"<h5>Januar 2016<\/h5>\n<p>Es herrscht eine Eisesk\u00e4lte, die K\u00e4lte durchdringt mich, kriecht mir in die Knochen und l\u00e4sst mich am ganzen K\u00f6rper zittern. Meine Nase, Ohren und Gliedma\u00dfen sind taub und trotzdem schleppe ich mich durch die Stra\u00dfen, welche eher einem rei\u00dfenden Fluss gleichen. Ich bin auf dem Heimweg von einer Brexit- Veranstaltung, weder habe ich mich bis jetzt  politisch engagiert, noch f\u00fcr Politik interessiert. Allerdings ist dieses hochbrisante Thema zu fundamental, um mit Nichtachtung abgetan zu werden. Alles Begann mit unserem Premierminister David Cameron, als er 2013 seine Idee eines Referendums \u00fcber den Verbleib in der Europ\u00e4ischen Union ins Spiel brachte. Sein Motiv bestand allein darin, seine Gegner und EU- Kritiker in der konservativen Partei ruhigzustellen. Anf\u00e4nglich nahm das Volk dies in keiner Weise als potenzielle Option war. Doch, die Zeit flie\u00dft dahin und das Land spaltet sich immer weiter. Es scheint wie ein Riss in einem monstr\u00f6sen Felsen zu sein, tritt einmal ein Sprung auf, verbreitet dieser sich rasant schnell, wird immer tiefer bis der Fels schlie\u00dflich in zwei bricht. Die EU- Bef\u00fcrworter stehen den Gegnern mit einer Feindlichkeit gegen\u00fcber, die sonst nur zwischen Ultra konservativen Republikanern und extremen Demokraten walten. Dieser Zustand ist untragbar, deswegen gr\u00fcndeten wir an der Universit\u00e4t  eine Gruppe, die sich ausdr\u00fccklich f\u00fcr die Diskussion zwischen beiden Standpunkten einsetzt. Des Weiteren kl\u00e4ren wir unsere Mitb\u00fcrger \u00fcber die Europ\u00e4ische Union auf. Bei unseren unz\u00e4hligen Unterrichtbesuchen, sowie Vortr\u00e4gen versuchen wir den Menschen nahe zu bringen, was die EU uns f\u00fcr Vorteile bringt. Erschreckend ist das offenkundige Unwissen unserer Mitb\u00fcrger, weiterf\u00fchrend sogar das Desinteresse.<\/p>\n<p>Dieser Brutale Kampf raubt mir die Kraft, das Lebenselixier wird f\u00f6rmlich aus meinem zerbrechlichen K\u00f6rper gesaugt, trotzdem wird er f\u00fcr mich andauern, solange bis das Referendum mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit abgelehnt wurde. Wie kann es auch anders kommen.<\/p>\n<h5>23. Juni 2016<\/h5>\n<p>Ich sitze mit meinen Mitstreitern in einem winzigen Keller, ein bisschen gr\u00f6\u00dfer als eine Besenkammer. Von hier aus haben wir die letzten  sechs Monate unsere Botschaften gesendet, Vortr\u00e4ge geplant- Tag und Nacht bis wir im Stehen die Augen nicht mehr im Stande waren auf zu halten. Wir dr\u00e4ngen uns alle vor einem uralten R\u00f6hrenfernsehn, das Bild flackert, der Ton h\u00e4ngt. Die Spannung ist gewaltig, unsere Nerven sind bis aufs \u00e4u\u00dferste gespannt, selbst eine Nadel h\u00e4tte man in diesem Moment zu Boden fallen geh\u00f6rt. Alle Augen starren auf den Fernseher, wo die Nachrichten laufen. Gleich ist der Moment, f\u00fcr den jeder in diesem Raum alles gegeben hat da. Die Auswertungsergebnisse der Abstimmung werden ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Mein Magen krampft sich zusammen, meine Atmung setzt aus, meine Zunge ist staub trocken. Ich blinzle, reibe mir die Augen doch die Zahlen bleiben gleich. Dieses Ergebnis konnte ich mir im Traum nicht erkl\u00e4ren. Wie konnten 52% f\u00fcr den Austritt stimmen. All die harte Arbeit, aller Schwei\u00df den ich investiert hatte, all die Auszehrung die ich auf mich genommen hatte- und dann so was!<\/p>\n<p>Zusammengesackt, unfassbar traurig verlasse ich den Keller, unf\u00e4hig ein Wort hervorzubringen renne ich los. Ich laufe schneller als ich je zuvor, ein erb\u00e4rmlicher Versuch dem Geschehenen zu entfliehen.<\/p>\n<h5>29. M\u00e4rz 2019<\/h5>\n<p>Das Leben ging weiter\u2026 Ist es nicht unfassbar am Tag NACH der Abstimmung informieren sich die meisten erst dar\u00fcber, was gestern zur Abstimmung kam. Naja- die Fehler die aus dieser Inkompetenz entstanden sind, k\u00f6nnen nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig  gemacht werden.<\/p>\n<p>Heute ist der Stichtag auf den unsere neue Premierministerin Theresa May schon lange hin arbeitet, denn schlie\u00dflich wurde beschlossen, dass das Vereinigte K\u00f6nigreich am heutigen Tag die EU verlassen wird. Doch ist heute wirklich der schw\u00e4rzeste Tag der geeinten Geschichte von Europa? Darauf gibt es keine Antwort, obwohl festgehalten werden muss, wir waren unf\u00e4hig unsere eigene Entscheidung umzusetzen. Vor zwei Jahren leitete May Austrittsverhandlungen mit der EU ein, als Ergebnis pr\u00e4sentierte sie Ende 2018 ein Austrittsabkommen. Dieses wurde glatte dreimal im Parlament abgelehnt. Entscheidendster Punkt f\u00fcr diese Ablehnung stellt die vorgeschlagene L\u00f6sung mit Irland da. Die sogenannte \u201eBackstop\u201c- Klausel soll n\u00e4mlich in jeden Fall eine harte Grenze zwischen Irland und dem Vereinigten K\u00f6nigreich verhindern. Hierauf aber noch n\u00e4her einzugehen w\u00fcrde tausende Seiten f\u00fcllen, diese ganze B\u00fcrokratie, Diplomatie und das Boulen um die Macht ist allzeit pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Inzwischen vertrete ich die Position, dass endlich etwas passieren muss, diese st\u00e4ndige Nichtwissen ist wie Gift. Eine L\u00f6sung mit der wir arbeiten k\u00f6nnen auch wenn es nicht unsere Meinung reflektiert muss dringend her. Die Ungewissheit \u00fcber die Zukunft ist fatal f\u00fcr unser Land. Unternehmen entschlie\u00dfen sich ihre Firmensitze in andere L\u00e4nder zu legen, gro\u00dfe Banken verlegen ihre Headquarters zum Beispiel nach Frankfurt. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen k\u00f6nnen werden wir eine massive Wirtschaftskrise erleben, allein der Finanzsektor macht bei uns 11,5% der Staatseinnahmen aus. Fallen diese weg stehen wir schlecht da, seien wir mal ehrlich auf Tourismus k\u00f6nnen wir nicht setzen. Zu gen\u00fcge haben wir in letzter Zeit symbolisiert, wie wir \u00fcber Ausl\u00e4nder denken und mit Sonnstrahlendem Himmel und Strand konnten wir noch nie \u00fcberzeugen\u2026<\/p>\n<h5>2035<\/h5>\n<p>Wir sind zur\u00fcck! Sicherlich wisst ihr nicht was ich meine, lasst mich versuchen es euch es zu erkl\u00e4ren. 2035 geht mein Kampf zu Ende, hei\u00dft das Referendum von 2016 ist Geschichte. Eigentlich ist es nicht ganz so einfach, tats\u00e4chlich ist das Vereinigte K\u00f6nigreich 2020 aus der EU geflogen. Diese Formulierung k\u00f6nnen Sie w\u00f6rtlich nehmen, ich kann es aber keinem ver\u00fcbeln. Das Drama der Austrittverhandlungen wurde immer schlimmer, Theresa May bettelte immer wieder um einen Aufschub und konnte im Parlament keine Ergebnisse erzielen. Trotzdem klammerte sie sich an ihr Amt wie eine Klette, da hatte sie bereits unz\u00e4hlig gescheiterte Versuche Best\u00e4tigung f\u00fcr ihr Austrittsabkommen zu bekommen hinter sich. Nach weiteren unendlichen Telefonaten und Staatsbesuchen, fasste der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Emmanuel Macron den Entschluss- die Britten haben alle Chancen verspielt, jetzt muss die EU an sich selbst denken und endlich wieder zu Normalit\u00e4t zur\u00fcckfinden. Um seine Pl\u00e4ne umzusetzen versammelte Macron allm\u00e4hlich die Mitglieder der Europ\u00e4ischen Union und gew\u00e4hrte den Briten eine letzte Gnadenfrist. Doch wie zuvor brachten die Briten absolut nichts zustande, was dieses mal drastischere Konsequenzen f\u00fcr uns hatte, wir flogen Ende 2020 aus der EU. Die neue Situation f\u00fchlte sich an wie in einen eiskalten Pool geworfen worden zu sein. Unternehmen die dem Vereinigten K\u00f6nigreich bis jetzt treu geblieben waren suchten jetzt neue Standpunkte, der Handel mit europ\u00e4ischen L\u00e4ndern kollabierte anfangs komplett. Allein die Zollkontrollen stifteten ein totales Chaos.<\/p>\n<p>Auswirkungen die wir normalen B\u00fcrger zu sp\u00fcren bekamen, davon gab es einige. Beispielsweise blieben die Regale in Superm\u00e4rkten oft leer, es war nicht so das wir hungern mussten aber alles was \u00fcber die Grundversorgung hinaus ging war wie vom Erdboden verschluckt. Am schlimmsten, zumindest f\u00fcr mich war allerdings das alle EU- B\u00fcrger welche bei uns gelebt hatten von heute auf morgen keinerlei Aufenthaltsrechtgenehmigung mehr hatten, deswegen sofort Ausreisen mussten. Bewusst wurde mir hierbei, wie wir alle von den allen Ausl\u00e4ndern profitiert hatten. Das Stra\u00dfenbild wurde extrem Monoton, nur britische M\u00e4nner im Anzug mit Hut und Frauen in eleganten Kleidern mit Handtaschen waren zu sehen. An unser Universit\u00e4t fehlte ca. ein Drittel der Studenten und mit ihnen die Lockerheit und der Spa\u00df.<\/p>\n<p>Jetzt will ich aber aufh\u00f6ren mich zu beklagen und mich freuen, dass wir wieder ein Teil dieser gro\u00dfartigen Gemeinschaft geworden sind. Ganz tief in mir sp\u00fcre ich, dass wir diese dunkle Periode in unserer Geschichte gebraucht haben, um ein solches Geschenk wieder richtig wertsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Dieser komplette Wahnsinn entpuppt sich schlussendlich doch als fantastisch, da er uns lehrte: Alleine ist man nichts, in einer Gemeinschaft aber jemand.<\/p>\n<p>\u00a92019 SchreibKunst-Blog\/ Janne K\u00fchner (Q4)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Januar 2016 Es herrscht eine Eisesk\u00e4lte, die K\u00e4lte durchdringt mich, kriecht mir in die Knochen und l\u00e4sst mich am ganzen K\u00f6rper zittern. Meine Nase, Ohren und Gliedma\u00dfen sind taub und trotzdem schleppe ich mich durch die Stra\u00dfen, welche eher einem rei\u00dfenden Fluss gleichen. Ich bin auf dem Heimweg von einer Brexit- Veranstaltung, weder habe ich <a href=\"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/fantastischer-wahnsinn\/\" class=\"more-link\">...weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> \"Fantastischer Wahnsinn\"<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"footnotes":""},"categories":[329,328,42],"tags":[330,334,346,68,348,59,23,45,178,144,347],"class_list":{"0":"post-1562","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-aside","6":"category-329","7":"category-fantastisch","8":"category-luo-literaturpreis","9":"tag-330","10":"tag-fantastisch","11":"tag-fantastischer-wahnsinn","12":"tag-jahrgaenge-e-q4","13":"tag-janne-kuehner","14":"tag-klasse-e-q4","15":"tag-literaturwettbewerb","16":"tag-luo-literaturpreis","17":"tag-oberstufe","18":"tag-q4","19":"tag-wahnsinn","20":"post_format-post-format-aside","21":"h-entry","22":"hentry","23":"h-as-note"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1562"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1563,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1562\/revisions\/1563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}