{"id":1361,"date":"2018-07-12T12:14:26","date_gmt":"2018-07-12T10:14:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1361"},"modified":"2018-07-12T12:14:26","modified_gmt":"2018-07-12T10:14:26","slug":"silber-kerstin-gier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/silber-kerstin-gier\/","title":{"rendered":"Persky&#8217;s Zauberschrank: Silber &#8211; Kerstin Gier"},"content":{"rendered":"<p>Es machte kurz \u201eBaff\u201c und schon stand ich auf einem B\u00fcrgersteig.<\/p>\n<p>Um mich herum war alles in dem Licht einer Stra\u00dfenlaterne geh\u00fcllt. Suchend blickte ich mich um. Keine einzige Menschenseele war weit und breit zu sehen. In der Ferne h\u00f6rte ich Motorenl\u00e4rm n\u00e4her kommen. Die Stra\u00dfe wurde nun von Autoscheinwerfern zus\u00e4tzlich erhellt. Schnell versteckte ich mich hinter einem Auto. Ein dunkelgr\u00fcner Volkswagen hielt vor einem gro\u00dfen Backsteinhaus mit wei\u00dfen Sprossenfenstern, mehreren Giebeln und Erkern. Das Haus war, wie alle H\u00e4user hier, mit hohen Hecken und Mauern umgeben. Aus dem Auto stieg ein gutgebauter Mann, Marke Basketballspieler. Er hatte honigfarbende Haare, die im Licht der Stra\u00dfenlaternen gl\u00e4nzten.  Er trug einen Frack, versehen mit einem Orden. \u00dcberrascht schnappte ich nach Luft. Keinen Meter von mir entfernt stand Henry Harper und so, wie es aussah, wollte er Liv gerade f\u00fcr einen bevorstehenden Ball abholen. Henry schlug die Fahrert\u00fcr zu und ging hastig auf die Haust\u00fcr zu. Erst jetzt sah ich sein Gesicht.<\/p>\n<p>Beinahe w\u00e4re mir ein entsetzter Schrei herausgerutscht. Sein Gesicht h\u00e4tte ich mir nie im Leben so vorgestellt. In dem Buch hat er graue Augen, ein markantes Gesicht, einen hellen Teint und ein makelloses Gesicht. Hier, in der Wirklichkeit, hatten seine Augen die Farbe gr\u00fcngrau, sein Gesicht war leicht gebr\u00e4unt und auf gar keinen Fall markant! Auch der Rest seines Gesichtes war anders. Unterhalb der rechten Schl\u00e4fe hatte Henry eine 2 cm lange Narbe, die bis unters Auge f\u00fchrte. Seine Lippen waren schmale, d\u00fcnne Striche und kein bisschen voll.<\/p>\n<p> Nachdem er geklingelt hatte, erklang ein ged\u00e4mpftes \u201eDing Dong\u201c und keine f\u00fcnf Sekunden sp\u00e4ter wurde die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Ich h\u00f6rte eine m\u00e4nnliche Stimme, die irgendetwas zu der in der T\u00fcr stehenden Person sagte. Leider verstand ich nicht, was sie sagte. Das Einzige, was ich dann h\u00f6rte, war das darauf folgende, m\u00e4dchenhafte Kichern. Von meinem Versteck aus sah ich leider nicht, wer dort kicherte, aber ich vermutete, dass es Liv war. Vorsichtig schlich ich mich n\u00e4her an das Haus heran.<\/p>\n<p>Was ich sah, lie\u00df mich leise aufkeuchen. Liv, die wundersch\u00f6ne Liv, hatte ein langgezogenes Muttermal an ihrer Wange, was aussah wie ein gro\u00dfer Dreckfleck und um ihren Mund herum sah ich Spuren von  Blut. Ihre so wundersch\u00f6n beschriebenen Haare waren fettig und hatten einen undefinierbaren Blondton, der so gar nichts mit dem strahlend wei\u00dfblonden Haar zu tun hatte, der im Buch beschrieben wurde. Ich sah wortw\u00f6rtlich der nackten Wahrheit ins Gesicht. Frustriert und entt\u00e4uscht lie\u00df ich mich an der Autot\u00fcr nach unten rutschen, auf den kalten Asphaltboden.<\/p>\n<p>Ich habe dieses Experiment gewagt, weil ich mehr \u00fcber die Personen herausfinden wollte, die ich glaubte so gut in B\u00fcchern kennen zu lernen. Mir ein besseres Bild von all dem machen wollte. Gerade mit Liv hatte ich mich so verbunden gef\u00fchlt und ich konnte mich in vielen Bereich mit ihr identifizieren.<\/p>\n<p> Jetzt w\u00fcnschte ich mir nur, ich h\u00e4tte es nie getan. In Verzweiflung stie\u00df ich einen kleinen Schrei aus und schloss die Augen. Als ich sie f\u00fcnf Sekunden sp\u00e4ter \u00f6ffnete, sp\u00fcrte ich nicht mehr den kalten, harten Boden unter mir. Nun sa\u00df  ich auf einem Kissen, in den H\u00e4nden das Buch.  Ich war umgeben von Holzw\u00e4nden, die ein Rechteck bildeten. Ich war wieder zur\u00fcck! Ich sa\u00df im Schrank, in den mich der Meister geschickt hatte. Irgendwie hatte er es geschafft, ohne sichtbare Lichtquelle im Schrank Licht zu schaffen. Dann blickte ich das Buch an, das auf meinen Oberschenkeln lag. Es hatte irgendwie an Glanz verloren. Wie bei einem blitzblanken Fenster, auf das sich allm\u00e4hlich Staub legt. Seufzend stand ich auf und klopfe mir die Beine ab. Mit dem Buch in der Hand verlie\u00df ich den Schrank.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Malou D. Meyer (8?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es machte kurz \u201eBaff\u201c und schon stand ich auf einem B\u00fcrgersteig. 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