{"id":1291,"date":"2018-07-11T12:19:45","date_gmt":"2018-07-11T10:19:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1291"},"modified":"2018-07-11T12:19:45","modified_gmt":"2018-07-11T10:19:45","slug":"interview-flucht-nach-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/interview-flucht-nach-europa\/","title":{"rendered":"Interview: Flucht nach Europa"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen unseres PoWi \u2013 Themas \u201eFlucht nach Europa\u201c und der Europawoche interviewten wir, Alicia Wagner, Ariane Sch\u00e4mer, Jana Stoll und Lilian Scharnke einen syrischen Fl\u00fcchtling. Dabei wollten wir etwas \u00fcber seine Erfahrungen w\u00e4hrend der Flucht sowie \u00fcber sein vorheriges Leben und sein aktuelles Leben in Deutschland erfahren.<\/p>\n<p>Unser Interviewpartner war der 28-j\u00e4hrige Hazem K. aus Syrien. Auf ihn aufmerksam wurden wir durch unsere Lehrerin Frau Sachse, welche uns das Interview nach Absprache mit unserer PoWi-Lehrerin, Frau Gl\u00e4ser erm\u00f6glichte. Am 08. Mai 2015 war es dann so weit. Dieser Tag ist der Gedenktag, seit dem 08. Mai 1945, an die Befreiung vom Zweiten Weltkrieg und vom Nationalsozialismus. Hazem K. lebt nun schon seit zweieinhalb Jahren in Deutschland und spricht flie\u00dfend Deutsch. Zurzeit sucht er nach einer Arbeit oder einer Ausbildung, sein Wunsch ist es, eine Ausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren. Eigentlich studierte er schon in seiner Heimat Wirtschaftswissenschaften, wodurch er auch Englisch spricht, aber hier in Deutschland findet er dazu keine Anstellung. Er muss also von ganz vorne anfangen und so geht es vielen Fl\u00fcchtlingen, wie er uns erz\u00e4hlt. Ein brennendes Problem ist in Deutschland die Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis: Ohne Aufenthaltserlaubnis bekommt man keine Arbeit, aber einer der Gr\u00fcnde, der besagt, dass man bleiben darf, ist, dass man einen Beruf aus\u00fcbt. Diese Zwickm\u00fchle ist ein gro\u00dfes Problem f\u00fcr viele Fl\u00fcchtlinge, denn nach ihrer langen Reise wollen sie nicht mehr zur\u00fcck. Das k\u00f6nnen sie auch nicht, wie uns Hazem auf unsere Frage hin verr\u00e4t:<\/p>\n<p>\u201eW\u00fcrden Sie zur\u00fcckkehren, wenn in Syrien der Krieg beendet w\u00e4re?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, da ich die Regierung nicht guthei\u00dfe. Sie w\u00fcrden mich bei einer R\u00fcckkehr wahrscheinlich auch festnehmen und einsperren.\u201c<\/p>\n<p>Die Regierung war auch der Grund, weshalb Hazem floh. In seinem Land gilt f\u00fcr alle 18-J\u00e4hrigen die Wehrpflicht. Normalerweise muss man dann zwei Jahre Wehrdienst leisten, durch den Krieg verl\u00e4ngert sich diese jedoch und kann bis zu f\u00fcnf oder sechs Jahre andauern oder noch l\u00e4nger. Mithilfe seines Studiums konnte Hazem zun\u00e4chst der Wehrpflicht entgehen, doch nach seinem Bachelor sah er keine Hoffnung mehr, dieser zu entgehen und floh. Er wollte in diesem hoffnungslosen Krieg nicht k\u00e4mpfen und sah auch f\u00fcr die Zeit nach dem Krieg keine Arbeitsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Im April 2015 verlie\u00df er seine Heimatstadt Daraa mit einem Freund. Sie brauchten insgesamt f\u00fcnf Tage um Syrien zu verlassen, mithilfe eines Busses, der 500\u20ac kostete, durchquerten sie die W\u00fcste \u00fcber Aleppo nach Idleb. Von dort aus liefen sie zusammen 15 Kilometer zur T\u00fcrkei. Diese Fu\u00dfm\u00e4rsche mussten sie jedes Mal vor den Grenzen absolvieren, um einer Kontrolle zu entgehen. Daf\u00fcr folgten sie den Stra\u00dfen und Schienen. Nun ging es weiter nach Antakya und dann nach Istanbul. Dort verblieben sie zun\u00e4chst, bis sie von einem \u201eguten\u201c Weg h\u00f6rten. Dieser soll \u00fcber Izmir f\u00fchren, wo an einem angrenzenden Wald ein Fluchtpunkt ist. Der Weg \u00fcber das Meer nach Europa erschien einfach im Gegensatz zu seinen bisherigen Erfahrungen, weshalb die beiden mit einem Schlauchboot und 40 anderen Fl\u00fcchtenden nach Europa \u00fcbersetzten, wieder entstanden Kosten von 1.300\u20ac. Hazem sprach von seiner schwersten Zeit. Er benutzt oft die W\u00f6rter \u201eWahnsinn\u201c, \u201eChaos\u201c und \u201eschrecklich\u201c, um seinen Gef\u00fchlen Ausdruck zu verleihen. Er hatte Angst, es nicht nach Europa zu schaffen. Ein besonders guter Schwimmer sei er ebenfalls nicht, sodass es ihn gro\u00dfe \u00dcberwindung kostete, das Schlauchboot zu betreten.<\/p>\n<p>Auf der \u00dcberfahrt zu einer kleinen griechischen Insel plagte ihn die Ungewissheit und Angst, doch als er dann die Lichter der Stadt in der Dunkelheit sah, bekam er Hoffnung. In Mitylini wurden sie von der Polizei erwartet, diese half ihnen und zeigte ihnen den Weg. Hazem und sein Freund lie\u00dfen sich zum ersten Mal registrieren und zelteten am Strand f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Tage. Sie hatten Europa erreicht und die Bedingungen wurden von da an besser.<\/p>\n<p>Dann, nach drei Tagen, bekamen sie die Erlaubnis Griechenland zu durchqueren. In diesem Fall war das eine Ausnahme, denn die anderen L\u00e4nder hatten sich bereit erkl\u00e4rt, ebenfalls Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen und somit die Grenzl\u00e4nder zu entlasten. Mit Z\u00fcgen durchquerten sie schlie\u00dflich auch Serbien und Ungarn. W\u00e4hrend Hazem sich in Serbien ebenfalls registrierte, blieb er in Ungarn illegal. Er wollte zu dem Zeitpunkt weiter nach Schweden oder Frankreich, wo er Verwandte hat. Die Grenzen in Ungarn waren jedoch gesperrt, sodass er dort festsa\u00df. Am 01. September 2015 \u00f6ffneten sich dann die Grenzen und Hazem reiste weiter nach Deutschland. Eine Journalistin informierte ihn, dass Deutschland sich gut um die Fl\u00fcchtlinge k\u00fcmmert. Von dort an war es einfach, die Zugfahrt war angenehm und umsonst. Ein gro\u00dfer Faktor, denn bis Griechenland hatte Hazem bereits f\u00fcr sich alleine ungef\u00e4hr 2000\u20ac ausgegeben. Er erz\u00e4hlte, dass sie ausgenutzt wurden und alle Fahrer versuchten Profit zu schlagen.<\/p>\n<p>In M\u00fcnchen kam er in einem Zug voller Fl\u00fcchtlinge an und wurde herzlich empfangen. Viele hatten sich versammelt und begr\u00fc\u00dften die Fl\u00fcchtlinge. Man schenkte ihnen Essen und Kleidung. Hazem bekam zum ersten Mal nach Monaten wieder einen Hoffnungsschimmer. Seit seiner Flucht aus Syrien war ein halbes Jahr vergangen. Auf unsere Frage hin, wie die Menschen in Deutschland auf ihn reagieren und ihn behandeln, sagte er uns, dass er sich wohl f\u00fchle und die Menschen nett seien.<\/p>\n<p>Von M\u00fcnchen aus war er aber nochmals viel herumgekommen, zuerst nach Dortmund, dann nach Grevenbroich und zu allerletzt nach J\u00fcchen. Das war die Zeit in den Turnhallen. Hazem sprach von engen Verh\u00e4ltnissen und Unzufriedenheit. Man trennte ihn und seinen Freund. Er wurde nach Gie\u00dfen geschickt und sein Freund nach Bielefeld. Eigentlich wollten die beiden nach Wuppertal, da sie dort ebenfalls Verwandte haben.<\/p>\n<p>In Gie\u00dfen lebte er dann in Fl\u00fcchtlingslagern und absolvierte Deutschkurse. Es sei eine schwierige Sprache, aber durch seine Englisch-Kenntnisse sei es ihm leichter gefallen, erz\u00e4hlt er uns. \u201eAuf meiner Reise konnte ich schon ein wenig Deutsch lernen und habe mir die Grundkenntnisse selbst beigebracht\u201c, f\u00fcgte er noch hinzu.<\/p>\n<p>Heute lebt er in Ro\u00dfdorf, dort hat er eine eigene Wohnung. Den Kontakt zu seinem Freund h\u00e4lt Hazem aufrecht: \u201eDie Reise hat uns noch mehr zusammengeschwei\u00dft. Wir haben uns gegenseitig geholfen. Als ich in Ungarn nicht mehr laufen konnte, weil ich von den vielen M\u00e4rschen Knieprobleme hatte, ist er bei mir geblieben und hat sich um mich gek\u00fcmmert.\u201c Auch zu seiner Familie in Syrien hat er Kontakt. Sie blieben damals dort, weil seine Eltern zu alt sind und seine Geschwister noch studieren. Sein gro\u00dfer Bruder befindet sich zurzeit jedoch auch auf der Flucht und an der t\u00fcrkischen Grenze.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend schaut Hazem wie folgt auf seine Flucht: \u201eIch habe meine Ziele erreicht, ich wollte \u00fcberleben und mich vor dem Krieg retten. Ich f\u00fchle mich hier wohl, ich mag die Kultur. Auch in meiner Heimat gab es viele verschiedene Religionen, das stellt f\u00fcr mich kein Hindernis dar. Auf meiner Flucht haben die Menschen mich nicht schlecht behandelt, sondern die Natur!\u201c<\/p>\n<p>Wir als Gruppe freuen uns, dass Organisationen Fl\u00fcchtlingen helfen und ihnen im Krankheitsfall Medikamente geben. Au\u00dferdem finden wir es gut, dass Deutschland Fl\u00fcchtlinge aufnimmt und die Polizisten den Fl\u00fcchtlingen den Weg zeigen. Zum Nachdenken hingegen brachte uns folgende Aussagen:<\/p>\n<p>\u201eDie Unternehmen glauben nicht an uns und unsere Qualifikationen. Ich muss von vorne anfangen, trotz meines Bachelors\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe das Gef\u00fchl, ich wurde gekauft. Ich hatte keine andere Wahl als nach Deutschland zu gehen. Ungarn wollte uns nicht, wie ich sp\u00e4ter herausfand.\u201c<\/p>\n<p>Durch Hazem konnten wir uns einen besseren \u00dcberblick \u00fcber das Leben der Fl\u00fcchtlinge machen und auch \u00fcber die Lage in Syrien. Seit der arabischen Revolution 2011 gab es schon fast eine halbe Million Tote und 15 Millionen Fl\u00fcchtlinge, ob vor Angst, Aussichts- oder Hoffnungslosigkeit. Es gibt viele Gr\u00fcnde nach Europa zu fliehen. Hazem berichtete von einer st\u00e4ndigen Gefahr: Vorlesungen werden abgesagt, Lehrmittel sind zerst\u00f6rt und niemand schafft mehr die Abschlusspr\u00fcfung. Ein normales Leben in Syrien sei unm\u00f6glich und obwohl Hazem weit weg ist von dem Geschehen, ist die Angst gro\u00df. Auch um seine Familie macht er sich Sorgen.<\/p>\n<p>Wir danken Hazem f\u00fcr seine Offenheit und seine Ehrlichkeit. Er hat uns noch einmal einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen vermittelt, durch ihn k\u00f6nnen wir nun die Seite der Fl\u00fcchtlinge besser verstehen - es ist nun alles viel n\u00e4her. Wir m\u00f6chten auch mit diesem Bericht die \u00c4ngste und Voreingenommenheit der Mitmenschen nehmen und zeigen das die Fl\u00fcchtlinge auch nur Menschen sind, die hier in Deutschland auf ein besseres Leben hoffen. Sie verdienen unsere Hilfe und unsere Freundlichkeit.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Lilian Scharnke (9?)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen unseres PoWi \u2013 Themas \u201eFlucht nach Europa\u201c und der Europawoche interviewten wir, Alicia Wagner, Ariane Sch\u00e4mer, Jana Stoll und Lilian Scharnke einen syrischen Fl\u00fcchtling. 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