{"id":1225,"date":"2018-07-10T17:18:27","date_gmt":"2018-07-10T15:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1225"},"modified":"2018-07-10T17:18:27","modified_gmt":"2018-07-10T15:18:27","slug":"rezension-wovon-wir-lebten-scheuermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/rezension-wovon-wir-lebten-scheuermann\/","title":{"rendered":"Rezension: Wovon wir lebten &#8211; Scheuermann"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size:25px\"><b>Wirklich gut ! \u2013 bis Seite 356<\/span><\/b><\/p>\n<p>Silke Scheuermanns Roman \u201eWovon wir lebten\u201c (2016 bei Sch\u00f6ffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH erschienen) begleitet den zu Beginn elfj\u00e4hrigen Merten  auf dessen Lebensweg und erz\u00e4hlt dabei eine Geschichte von Elend, Einsamkeit und Abgr\u00fcnden, w\u00e4hrend im Hintergrund stets die Frage pocht: Wof\u00fcr lohnt es sich noch zu leben?<\/p>\n<p>Merten ist elf, als er seinen ersten guten Freund Micha kennenlernt, auf einer morgendlichen B\u00f6schung, an deren Abhang Mertens sturzbetrunkene Mutter liegt und ihren Rausch ausschl\u00e4ft.<\/p>\n<p>Mit Michas Vater, einem Schreiner, besuchen die beiden Jungs die Villa der Frau von Sternberg um M\u00f6bel f\u00fcr deren Nichte abzuliefern. Merten ist fasziniert von der Nichte Stella, gleichzeitig aber schockiert von den so unterschiedlichen Lebenswelten.<\/p>\n<p>Merten beginnt au\u00dferdem in diesem Alter f\u00fcr eins seiner Vorbilder aus dem Viertel, den Ex Boxchampion und Box-Club-Besitzer Reiner M\u00e4rz, als Drogenkurier zu arbeiten. Diese Arbeit findet ein pl\u00f6tzliches Ende, als Merten erst Koks aus Reiners Wohnung herausschmuggelt, um ihn vor einer Razzia zu sch\u00fctzen, Reiner dann allerdings den Spitzel der Polizei umbringt und daf\u00fcr ins Gef\u00e4ngnis geht.<\/p>\n<p>Mertens Leben verl\u00e4uft weiter kurvig. Er beendet eine Ausbildung als Schwei\u00dfer, findet eine Freundin und taumelt w\u00e4hrenddessen in eine Sinnkrise. In der Vorstellung und Angst gefangen sein Leben w\u00fcrde sich Woche f\u00fcr Woche wiederholen, beginnt er gr\u00f6\u00dfere Mengen Drogen zu konsumieren, um die Wochenenden voll auszukosten.<\/p>\n<p>Seine Beziehung zerbricht nachdem seine Freundin ihn betr\u00fcgt und er den Nebenbuhler schwerstens verpr\u00fcgelt. Immer noch von Sinnlosigkeit erf\u00fcllt, beginnt er eine Beziehung mit der \u00e4lteren und stark drogenabh\u00e4ngigen Jenna. Diese Beziehung, die er erst als \u201ereine V\u00f6gelfreundschaft\u201c bezeichnet, erlaubt es ihm alle Tabus zu und aus seinem tristen Alltag auszu-, brechen, w\u00e4hrend die beiden all ihre Fantasien ausleben.<\/p>\n<p>Aufgrund einer kleineren Hanfplantage die Merten und Mischa sich aufgebaut haben, muss Merten f\u00fcr vier Tage in das Gef\u00e4ngnis: Isolationshaft. Dort f\u00e4llt er erneut in eine Sinnkrise und verzweifelt fast.<\/p>\n<p>Am darauffolgenden Wochenende beginnt Jenna erstmals von einem gemeinsamen Leben zu reden, Merten dreht durch und beendet die Beziehung. Nun ist es an der Reihe von Jenna zu verzweifeln und durchzudrehen. Es folgt eine k\u00fcrzere Zeit, in der sie ihn stark verfolgt, bel\u00e4stigt und stalkt.<\/p>\n<p>Im Drogenrausch und getrieben von innerer Verzweiflung attackiert Merten seinen Vorgesetzten, es folgt eine zweimonatige Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung. Hier lernt Merten Peter seinen sp\u00e4teren Freund und Gesch\u00e4ftspartner kennen, der es sich in den Kopf gesetzt hat ein Restaurant zu er\u00f6ffnen und Merten als Koch gewinnen m\u00f6chte, was ihm auch gelingt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem trifft Merten im Rahmen seiner Therapie erneut auf Stelle von Sternberg, die aufgrund einer Anorexie im benachbarten privaten Krankenhaus liegt. Sie m\u00f6chte nach ihrer Therapie an einer Kunsthochschule studieren, was sie auch tun wird.<\/p>\n<p>Nach Mertens Entlassung beginnt dieser in Frankfurt als Koch mit falschen Papieren einige Zeit sich auszuprobieren und sich n\u00f6tige Fertigkeit beizubringen. W\u00e4hrend dieser Episode nutzen ihm Peters Kontakte zur Unterwelt, der ihm Stellen und falsche Papiere verschafft.<\/p>\n<p>Nach der Entlassung Peters einige Monate sp\u00e4ter, und nachdem dieser einen mysteri\u00f6sen Investoren gefunden hat, kaufen die beiden sich zusammen mit Peters Ziehbruder Henning ein Restaurant, das sie \u201eHappy Rabbit\u201c taufen. Die drei betiteln sich daraufhin spa\u00dfeshalber als \u201edas Triumvirat\u201c.<\/p>\n<p>Das Restaurant l\u00e4uft gut an, das mediale Echo nach der Er\u00f6ffnung ist gro\u00df und bereits nach kurzer Zeit gibt es die erste Kunstausstellung von Stella im Restaurant, welche ebenfalls gro\u00dfen Erfolg hat. Stella und Merten sind w\u00e4hrend dieser Zeit zu einem Paar geworden, allerdings wird Merten, der aus einem so viel \u00e4rmeren Umfeld kommt, von starken Zweifeln an der Beziehung aufgrund des sozialen Hintergrunds geplagt. Diese Unterschiede werden vor Allem auf Vernissagen besonders deutlich, da Merten die gesellschaftlichen Regeln dieser Anl\u00e4sse nicht bewusst sind.<\/p>\n<p>Dieser Konflikt wird immer wieder thematisiert, auch als Jenna sich erneut meldet und versucht Zwietracht und Zweifel zu s\u00e4en. Die Problematik spitzt sich dabei immer wieder zu, w\u00e4hrend Merten voller Verwunderung beobachtet, wie er sich seiner neuen gesellschaftlichen Rolle anpasst.<\/p>\n<p>Nun taucht zu allem \u00dcberfluss auch noch der mysteri\u00f6se Investor auf. Es ist Reiner der nach seinem Gef\u00e4ngnisaufenthalt mit Fitnessstudios ein Verm\u00f6gen verdient hat, einzig um seine Liebe wiederzugewinnen, die sich zu Mertens Kindertagen einem Konkurrenten mit mehr Geld um den Hals geworfen hatte.<\/p>\n<p>Reiner m\u00f6chte nun bei einem gro\u00dfen Essen im \u201eHappy Rabbit\u201c seiner Angebeteten seinen neuen Reichtum vorf\u00fchren und ihren Liebhaber einen anderen Fitnessclub-Besitzer vorf\u00fchren. Dieser Plan misslingt vollkommen, als pl\u00f6tzlich die Hells Angels im Restaurant stehen um Stereoide zu verkaufen. Es kommt zu einer Messerstecherei an deren Ende Reiner t\u00f6dlich verletzt erst auf dem Boden und dann im Krankenhaus liegt.<\/p>\n<p>An Reiners Sterbebett erf\u00e4hrt Merten, dass seine Freundin Stella von Sternberg die zur Adoption freigegebene Tochter von Reiner ist.<\/p>\n<p>Das Buch kann nun, da alle Handlungsstr\u00e4nge zusammengeflossen sind in der Happy-End-Szene eines gro\u00dfen, gemeinsamen Essens enden. Geladen sind dabei alle wichtigen Personen des Buchs.<\/p>\n<p>Das Buch selbst hat als Hardcovertitel 519 Seiten und ist unterteilt in f\u00fcnf \u00dcberkapitel die verschiedene Lebensabschnitte Mertens enthalten. W\u00e4hrend die ersten drei \u00dcberkapitel bis zur Er\u00f6ffnung des Restaurant noch durch fesselnde, d\u00fcstere, detaillegetreue Schilderungen menschlicher Abgr\u00fcnde brillieren, nimmt die Qualit\u00e4t im vierten \u00dcberkapitel drastisch ab, als Leser*in erh\u00e4lt man den Eindruck, Frau Scheuermann l\u00e4gen Happy-Ends nicht sonderlich.<\/p>\n<p>Auch \u00e4hnelt das Happy-End mit einem Knall, der Inhaltlich sehr an Geschichten erinnert, wo das arme B\u00fcrgerm\u00e4dchen am Ende feststellt, dass sie doch eine Prinzessin ist und jetzt alle Standesprobleme behoben seien. Die Idee moderne Standesunterschiede anhand der Beziehung von Stella und Merten zu thematisieren ist gut, das Happy-End unrealistisch und gewollt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den ersten Kapiteln die Probleme einer Alkoholikerin f\u00fchlbar gemacht werden, Anorexie Patient*innen beschrieben werden, die sich nicht setzten wollen, weil stehen mehr Kalorien verbraucht und eindr\u00fccklich \u00fcber die Eint\u00f6nigkeit von Fabrikarbeit oder dem Leben im Allgemeinen philosophiert wird, finden im letzten Kapitel alle F\u00e4den der Geschichte zusammen. Das wirkt zwar vorbereitet und gewollt, allerdings strapaziert Frau Scheuermann die Realit\u00e4t des sonst sehr realistischen Buches mit vielen unvermuteten Widersehen und Zuf\u00e4llen doch sehr.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Art der Schilderungen und spannenden Perspektiven. Der  Monolog, den Merten im Gef\u00e4ngnis mit sich selbst f\u00fchrt, ist ein Monolog der sowohl durch den knapp vorgetragen, aber emotionsschwangeren Inhalt als auch durch die Art der Schriftsetzung besticht und die Verzweiflung Mertens f\u00fchlbar macht. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich bei den Schilderungen von Mertens Kindheit, die durch den \u00fcberwiegend frustrierenden und bedr\u00fcckenden Ton, aber auch durch die kleinen Lichtblicke im Leben Mertens die Atmosph\u00e4re der dreckigen Wohnung mit Mertens auf der Couch schnarchenden, nach alkoholstinkenden Mutter deutlich macht.<\/p>\n<p>Solch gelungene Schilderungen finden sich in den letzten beiden Kapiteln des Buches leider nicht mehr, was auch an den weniger aufr\u00fcttelnden beschriebenen Situationen liegen mag.<\/p>\n<p>Der Roman ist ein Entwicklungsroman \u00fcber einen jungen Mann. Ich als sich grade entwickelnde, junge und m\u00e4nnlich-sozialisierte Person aus \u2013gl\u00fccklicherweise- einem ges\u00fcnderen Umfeld als Merten finde die Entwicklung Mertens  zwar spannend und fesselnd, allerdings bietet die Geschichte nur begrenzt viele Identifikationsfl\u00e4chen aufgrund der sehr extremen Lebensumst\u00e4nde unter denen Merten sich entwickelt, diese Umst\u00e4nde \u00fcberschatten auch viele der feinen \u00c4nderungen die man in einem Entwicklungsroman genauso erwartet wie gro\u00dfe Br\u00fcche.<\/p>\n<p>Wollte man das Buch mit einem Gericht vergleichen, um ein dem Inhalt angemessenen Vergleich zu finden, m\u00fcsste man es mit einer Fleischvorspeise vergleichen: Zu Beginn schmeckt sie wunderbar, doch am Ende f\u00fchlt man sich nicht satt und zufrieden. Und als jemand mit einer Abneigung gegen Gewalt,  hat man Bauchschmerzen. Bei Frau Scheuermann nicht nur weil Tieren wehgetan oder Tiere ermordet werden, sondern auch wegen unangenehmen Situationen die Merten durchlebt.<\/p>\n<p>Lecker ist die Vorspeise aber trotz alledem.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcrde ich dem Buch \u201eWovon wir lebten\u201c einen Michelin-Sterne, von den drei m\u00f6glichen, geben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images-eu.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/41r0OkNKphL._SY346_.jpg\" alt=\"Buch: Wovon wir lebten - Scheuermann\" class=\"aligncenter\" \/><\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Nicolai Koch (Q4)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirklich gut ! \u2013 bis Seite 356 Silke Scheuermanns Roman \u201eWovon wir lebten\u201c (2016 bei Sch\u00f6ffling &#038; Co. 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