{"id":1108,"date":"2018-06-19T18:09:40","date_gmt":"2018-06-19T16:09:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1108"},"modified":"2018-06-19T18:08:03","modified_gmt":"2018-06-19T16:08:03","slug":"die-gluecksmaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/die-gluecksmaschine\/","title":{"rendered":"Die Gl\u00fccksmaschine"},"content":{"rendered":"<p>Endlich ging das Leben wieder aufw\u00e4rts f\u00fcr Joseph Karl Lehmert. Er bereute einige Dinge in seinem Leben, aber ganz besonders eines: Vor sieben Jahren h\u00e4tte er die Chance gehabt, sein ganzes Leben komplett umzukrempeln und besser zu machen, doch sein bl\u00f6des 21-j\u00e4hriges Selbst verbockte alles.<\/p>\n<p>Kurz nach seinem 21. Geburtstag traf er einen netten Kerl in einer Bar. Sie sa\u00dfen am Tresen, tranken Bier und schauten sich einen Zeittriathlon im Fernsehen an. Die Aufgaben in diesem Jahr waren h\u00f6chst interessant: Eine Historical-Engineering Herausforderung, bei der man eine stabile Monarchie st\u00fcrzen sollte, mit nichts anderem als Online-Apps. Danach eine Reise 2000 Jahre in die Zukunft, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob die Bev\u00f6lkerung dieser Zeitlinie noch existierte oder sich ausgel\u00f6scht hatte.<\/p>\n<p>Letztlich musste man noch eine Sonde finden, die die Veranstalter in einer unbekannten Zeitlinie versteckt hatten und diese zur\u00fcckbringen. Wie erwartet gewann Lorren Marshall den Triathlon, welcher mit seiner Glanzleistung in Historical-Engineering und seiner hochmodernen Zeitmaschine Stunden vor der Konkurrenz fertig war. Der Mann drehte sich zu Joseph und fl\u00fcsterte: \"Hey, Junge willst du mal einen Tipp h\u00f6ren? Beim n\u00e4chsten Triathlon solltest du gut was auf Tamara Kissing setzen.\"<\/p>\n<p> Tamara war bisher nicht besonders erfolgreich gewesen und lag auch dieses Mal mehrere Stunden hinter dem Durchschnitt und fast einen ganzen Tag hinter Lorren. Jospeh traute dem Mann nicht und fragte ungl\u00e4ubig: \"Wieso, bisher war sie nicht besonders gut, warum sollte sie das n\u00e4chste Mal besser sein?\" Der Mann grinste und meinte: \"Ich bin Ingenieur bei General Electrics, und ich kann dir garantieren, dass wir eine sehr spezielle \u00dcberraschung f\u00fcr sie haben.<\/p>\n<p>Sie ist ein exzellenter Chrononaut und Navigator und mit der Zeitmaschine, die wir f\u00fcr sie entworfen haben, kann sie bis zu 200 Annos pro Stunde zur\u00fccklegen!\" Joseph starrte den Mann ungl\u00e4ubig an. Endlich fand er seine Worte wieder und fragte zitternd: \"200 Annos pro Stunde? Selbst die modernsten Milit\u00e4rmaschinen schaffen gerade mal um die hundert! Das w\u00e4re eine wahnsinnige Steigerung!\" Der Mann war im Begriff zu gehen und drehte sich noch einmal um, um zu antworten: \"Du hast mein Wort, der n\u00e4chste Triathlon wird alles bisher Gekannte umsto\u00dfen! Und bedenke blo\u00df, all das Geld nicht sofort zu verprassen.\" Der Mann zwinkerte und verlie\u00df die Bar.<\/p>\n<p> Joseph konnte es nicht fassen. Dieser Zustand zog sich immer weiter hin, bis er ein halbes Jahr sp\u00e4ter vor dem Wettb\u00fcro stand. Zweifel plagten ihn: Sollte er diesem Fremden vertrauen, den er seitdem nicht mehr gesehen hatte oder sollte er kein Risiko eingehen und es einfach sein lassen? Er ging in das Wettb\u00fcro und stand schon am Schalter, als die Zweifel ihn zu sehr verunsicherten und er sich auf der Stelle umdrehte und ging. Zur \u00dcberraschung aller gewann Tamara Kissing eine Woche sp\u00e4ter den Zeittriathlon von Neapel. Wer h\u00e4tte denn auch damit rechnen k\u00f6nnen, dass sie eine vollkommen neuartige Zeitmaschine hatte, mit der sie \u00fcber 200 Annos pro Stunde zur\u00fccklegen konnte? An diesem Abend lag Joseph betrunken im Bett und heulte sich in den Schlaf.<\/p>\n<p>Doch er war nicht jemand, der einfach aufgab. Noch am n\u00e4chsten Tag schmiedete er einen Plan. Nachdem er mehrere Jahre Chrononautik an der Akademie f\u00fcr Zeitwissenschaften in M\u00fcnchen studiert hatte und seine Zeit dort in einer unbeschreiblich kleinen Wohnung verbracht hatte, war es endlich so weit. Er hatte sich ein wahrhaftiges St\u00fcck Freiheit geleistet. Er wohnte zwar immer noch in der kleinsten Wohnung der Welt und ern\u00e4hrte sich zu 60 Prozent von osteurasischen  Fertignudeln, aber er war mit dem Studium fertig und begann die erste Phase seines Plans: Der Beschaffung einer eigenen Zeitlinie.<\/p>\n<p>Joseph besetzte monatelang den Zentralrechner der Akademie und sah sich bis zum Umfallen viele Zeitlinien an, wertete Daten aus, stellte Berechnungen an und nahm Messungen vor. Aber egal wie viele Zeitlinien er auch beobachtete, er konnte nie  diese eine richtige finden. Er suchte nach einer bestimmten Version dieser Welt, die praktisch bis auf das Haar seiner eigenen glich und sich nur in einem f\u00fcr ihn v\u00f6llig belanglosen Teil unterschied. Er suchte nach einer zweiten Version von sich selbst: gleiches Aussehen, gleiche Denkweise, gleiche Vergangenheit!<\/p>\n<p> Josephs Plan war eigentlich ganz simpel. Alles was er dazu brauchte, war eine haargleiche Version seiner Welt, die Sportergebnisse der letzten Jahre und etwas schauspielerisches Talent. Die letzten beiden Dinge hatte er schon, aber die Zeitlinie schien sich immer vor ihm zu verstecken. Es gab immer ein Problem, die Zeitlinie war in einem zu wichtigen Punkt anders, stand unter Schutz, oder war ganz einfach schon gekauft.<\/p>\n<p>Doch eines Tages fand er sie endlich. Er h\u00e4tte vor Freude fast geschrien. Sie war perfekt. Genau so wie seine, mit nur einem Unterschied: seine Eltern hatten ihn in dieser Zeitlinie nicht Joseph Karl Lehmert, sondern Joseph Johann Lehmert genannt. Und das Beste: Sie war noch nicht verkauft. Joseph kaufte kurzerhand die Zeitlinie mit dem wenigen Geld, das er hatte und machte sich f\u00fcr seine Reise ins Gl\u00fcck fertig.<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter stand er im Hangar des BAMZ und inspizierte seine Zeitmaschine, die er lieblich 'B.Z.M Felix I' nannte. Was von au\u00dfen aussah wie sein alter Carice Mk-V war innen komplett umgebaut. Der Motorraum wurde von einer modernen Batterie mit Kompaktgenerator eingenommen, weshalb auch eine leichte W\u00f6lbung in der normalerweise glatten Motorhaube zu erkennen war. Das Dach bestand aus anderen Materialien, um einen faradayschen K\u00e4fig aus dem Auto zu machen. Das Herzst\u00fcck war allerdings unter dem Wagen angebracht, ein Lockheed-Martin TDU-38 Zeitantrieb.<\/p>\n<p>Nicht, dass dieser besonders gut w\u00e4re, er brachte gerade mal 5 Annos pro Stunde und konnte auch nicht viel mehr als 2 Tonnen bewegen. Um in ein Land vor unserer Zeit zu reisen, war er nicht unbedingt geeignet, aber f\u00fcr Joseph's Zwecke war er vollkommen ausreichend. Joseph nahm die Felix I und machte sich zum Start bereit. Auf der Plattform war es laut und hei\u00df, aber das war nicht der einzige Grund, warum Joseph ins Schwitzen kam. Nach einer halben Ewigkeit knackte endlich das Radio und eine Stimme schnarrte: \"Felix I, Sie sind zum Start autorisiert.<\/p>\n<p>Ihre R\u00fcckkehrzeit ist der 21.6.12089 Menschlicher Existenzrechnung um 19:42 und 37 Sekunden.\" Als ob ich je zur\u00fcckkomme, dachte er sich, als er den Sicherungsmechanismus l\u00f6ste und den Starthebel ganz durchdr\u00fcckte. Der Generator heulte auf und das ganze Auto begann zu summen und zu vibrieren bis die Au\u00dfenwelt dunkel wurde, letztendlich komplett verschwand und Joseph in der absoluten Dunkelheit des Nullraums zur\u00fccklie\u00df.<\/p>\n<p>Nun bereitete er sich auf die Ausf\u00fchrung der zweiten Phase des Plans vor, er verkleidete sich, um dann an dem Abend, an dem er den besten Tipp der Welt ignoriert hatte, einige Dinge zu verbessern. Danach w\u00fcrde er in die Zukunft dieser Zeitlinie reisen und dort sein alternatives Ich ersetzen, welches die Wette eingereicht und einen Riesenhaufen Geld gewonnen hatte. Ein perfekter Plan. Joseph setzte gerade das Maskierungsset ein, das er mitgebracht hatte, damit ihn sein Doppelg\u00e4nger nicht erkennen konnte, als auch schon ein Signal durch den Wagen t\u00f6nte und die baldige Ankunft verk\u00fcndete. Ein leichtes Grinsen legte sich auf Josephs Wangen, die zweite Phase war fast eingeleitet.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter stand er vor einer Bar, die ihm nur allzu gut bekannt war, obwohl er sie technisch noch nie zuvor gesehen hatte. Drinnen sa\u00df ein junger Mann, den Joseph sonst nur aus dem Spiegel kannte. Nerv\u00f6s betrachtete er seine Uhr, eigentlich sollte der Mann von General Electrics jeden Moment hier, wenn nicht sogar schon l\u00e4ngst in der Bar sein. Ganz ruhig, dachte er sich, ich warte noch zehn Minuten, bis dann muss der Kerl ja mal auftauchen. Er tauchte nicht auf. Zehn Minuten sp\u00e4ter stand Joseph total nerv\u00f6s vor dem Lokal und war von Zweifeln gepackt. Existierte der Mann \u00fcberhaupt hier?<\/p>\n<p>Gab es vielleicht einen Unterschied zu Josephs originaler Zeitlinie, die er nicht beachtet hatte? Schmerzhaft schlichen die Minuten dahin, mit jeder wurde Joseph banger. Am Ende hatte er den schlimmsten Gedanken \u00fcberhaupt: Was, wenn meine Anwesenheit hier die Zeitlinie ver\u00e4ndert hat? Wenn ich etwas nicht bedacht habe und der Mann nicht kommt, weil ich an der Bar stehe? Vielleicht habe ich mit meinem Wagen aus Versehen eine Verz\u00f6gerung kreiert, egal wie klein, die ihn davon abh\u00e4lt, herzukommen?!<\/p>\n<p>Joseph riss sich am Riemen und traf eine Entscheidung. Wenn der General Electrics Mann nicht kam, musste Joseph eben selbst seinen Doppelg\u00e4nger dazu bringen, die Wette einzureichen.<\/p>\n<p>Er beruhigte sich selbst, konzentrierte sich und betrat dann vollkommen gelassen die Bar.<\/p>\n<p>Joseph ging zum Tresen, wo sein Doppelg\u00e4nger entspannt ein Bier trank und den Zeittriathlon von Kapstadt im Fernsehen beobachtete. Joseph trat an den Tresen und fragte: \"Junger Mann, ist hier noch ein Platz frei?\" Sein junges Spiegelbild drehte sich um und nickte: \"Ja klar, setzen sie sich.\" Joseph atmete durch und bestellte sich ebenfalls ein Bier. \"Ah, der Zeittriathlon von Kapstadt,\" brummte er, \"wer, denkst du, wird gewinnen? Ich tippe ja auf Marshall, der hat bisher auch nicht entt\u00e4uscht.\" Der junge Joseph seufzte und antwortete: \"Ja, wahrscheinlich, zu schade auch, ich w\u00fcrde gerne mal etwas von den Neuzug\u00e4ngen sehen. Wenigstens ein bisschen Abwechslung dann und wann w\u00e4re doch mal nett. Aber wir sehen die Ergebnisse ja in drei Minuten.\"<\/p>\n<p>Sie tranken beide einen Schluck Bier, bevor Joseph sich mit gelangweiltem Ton beschwerte: \"Der kann sich halt all die gute Ausr\u00fcstung leisten mit seiner Kohle.\" Er unterschlug zwar, dass Lorren Marshall ein genialer Historical-Engineer war, aber er hatte sein junges Ich zu einem Gespr\u00e4ch motiviert. Die beiden diskutierten freundlich den Rest des Abends, bis Joseph beschloss, dass es Zeit zu gehen war, um die Zeitlinie nicht zu lange mit seiner Existenz zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Er drehte sich zum jungen Joseph um und fl\u00fcsterte: \"Hey Junge, willst du mal einen Tipp h\u00f6ren? Beim n\u00e4chsten Triathlon solltest du gut was auf Tamara Kissing setzen.\" Der junge Joseph reagierte ungl\u00e4ubig: \"Wieso, bisher war sie nicht besonders gut, warum sollte sie das n\u00e4chste Mal besser sein?\" Joseph grinste und log: Ich bin Ingenieur bei General Electrics, und ich kann dir garantieren, dass wir eine sehr spezielle \u00dcberraschung f\u00fcr sie haben. Sie ist ein exzellenter Chrononaut und Navigator und mit der Zeitmaschine, die wir f\u00fcr sie entworfen haben, kann sie bis zu 200 Annos pro Stunde zur\u00fccklegen!\"<\/p>\n<p>Der junge Joseph sa\u00df ungl\u00e4ubig da, w\u00e4hrend Joseph sich zum Gehen aufmachte. Sein junges Ich fragte ihn noch einmal ungl\u00e4ubig und Joseph antwortete: \"Du hast mein Wort, der n\u00e4chste Triathlon wird alles bisher Gekannte umwerfen!\" Er wollte schon gehen, als er eben schnell noch eine fixe Idee hatte. Er musste sicherstellen, dass das Geld auch noch da war, wenn er wieder kommen w\u00fcrde. Darum warf er schnell noch ein: \" Und bedenke blo\u00df all das Geld nicht sofort zu verprassen.\" Er zwinkerte und ging. Sein Plan war fast fertig. Jetzt musste er nur noch in die Zukunft dieser Zeitlinie und er w\u00e4re f\u00fcr immer gl\u00fccklich und zufrieden.<\/p>\n<p>Endlich ging das Leben wieder aufw\u00e4rts f\u00fcr Joseph Johann Lehmert. Er bereute einige Dinge in seinem Leben, aber ganz besonders eines: Vor sieben Jahren h\u00e4tte er die Chance gehabt, sein ganzes Leben komplett umzukrempeln und besser zu machen, doch sein bl\u00f6des einundzwanzigj\u00e4hriges Selbst verbockte alles. H\u00e4tte er doch nur damals auf den Kerl von General Electrics geh\u00f6rt. Aber jetzt hatte er einen Plan, er w\u00fcrde zu dem Abend zur\u00fcckkehren und einige Dinge richtigstellen. Er hatte eine Zeitlinie gekauft, die genau so war, wie seine. Nur dass seine Eltern ihn dort Joseph Karl Lehmert genannt hatten.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Julius Emmeluth (Q4)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich ging das Leben wieder aufw\u00e4rts f\u00fcr Joseph Karl Lehmert. Er bereute einige Dinge in seinem Leben, aber ganz besonders eines: Vor sieben Jahren h\u00e4tte er die Chance gehabt, sein ganzes Leben komplett umzukrempeln und besser zu machen, doch sein bl\u00f6des 21-j\u00e4hriges Selbst verbockte alles. Kurz nach seinem 21. 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