{"id":1100,"date":"2018-06-19T09:09:49","date_gmt":"2018-06-19T07:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/?p=1100"},"modified":"2018-06-26T21:41:22","modified_gmt":"2018-06-26T19:41:22","slug":"mary-read","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.luo-darmstadt.de\/schreibkunst\/mary-read\/","title":{"rendered":"Mary Read"},"content":{"rendered":"<p>Mein Name ist <a href=\u201chttps:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Mary_Read\u201c>Mary Read<\/a> und morgen schon werde ich enttarnt. Mein Geheimnis wird entdeckt und ich werde ausgesto\u00dfen und bestraft. Morgen schon - nicht unbedingt dieses Morgen, sondern ein Morgen: Wenn nicht morgen, dann \u00fcbermorgen oder \u00fcber\u00fcbermorgen. Was machen schon ein paar Tage?<\/p>\n<p>Genauso gut k\u00f6nnte ich weglaufen. Ganz weit weg, irgendwo hin, wo mich niemand kennt. Ich k\u00f6nnte mir ein neues Leben aufbauen und mein altes vergessen. So, wie es mich schon morgen vergessen w\u00fcrde. Ich k\u00f6nnte einen kleinen Laden aufmachen. Nichts Gro\u00dfes, nur gut genug, um \u00fcber die Runden zu kommen und friedlich zu leben. Ich w\u00fcrde eine gute Partie finden und eine Familie gr\u00fcnden. Es w\u00e4re nicht das Leben meiner Tr\u00e4ume, aber sicher und angenehm. Aber so etwas war noch nie etwas f\u00fcr mich:<\/p>\n<p>Als mein Halbbruder starb, kleidete mich meine Mutter wie ihn, damit wir weiterhin  finanziell von meinen Gro\u00dfeltern unterst\u00fctzt werden. Ich f\u00fchlte mich unwohl. Eine Frau in  M\u00e4nnerkleidern? Was w\u00fcrde passieren, wenn die Leute das herausbekommen? W\u00fcrde ich aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden? Verbannt? Oder Schlimmeres?<\/p>\n<p>Ich beschloss, nicht daran zu denken, sondern mich darum zu k\u00fcmmern, dass es nie so weit kommen w\u00fcrde. Ich musste mich besser anpassen, weniger auffallen, \u00e4hnlicher sein. Sooft ich nur konnte, studierte ich die M\u00e4nner. Wie sie reden, laufen und essen. Mit der Zeit wurde ich immer besser darin, sie nachzuahmen und schon bald begann ich, mich in M\u00e4nnerkleidern wohler zu f\u00fchlen als in denen einer Frau. Ich durfte trinken, fluchen und k\u00e4mpfen wie es mir beliebte. Ich durfte alles machen, was ich als Frau nie h\u00e4tte machen d\u00fcrften. Es f\u00fchlte sich an, als ob mir die Welt zu F\u00fc\u00dfen l\u00e4ge. Ich wei\u00df, dass das nicht stimmt. F\u00fcr Au\u00dfenstehende war ich nur ein junger Mann, der gut mit einem Degen umgehen kann, aber f\u00fcr mich war ich K\u00f6nig(in) meines eigenen Lebens.<\/p>\n<p>Schon bald wurde mir die T\u00e4tigkeit als Laufbursche langweilig. Ich wollte in die Ferne, aufregende Abenteuer erleben und gro\u00dfe K\u00e4mpfe k\u00e4mpfen. Die Sorte heroischer K\u00e4mpfe, die Generationen sp\u00e4ter zu Geschichten und irgendwann zu Sagen und Legenden werden. Und als Mann durfte ich all das auch. Also blieb ich im M\u00e4nnerkost\u00fcm und meldete mich beim Heer von Flandern. Schnell stieg ich auf, ich wurde f\u00fcr meine Tapferkeit und Degenf\u00fchrung bewundert, doch ich wusste, dass ich auch genauso schnell und tief abst\u00fcrzen k\u00f6nnte, jederzeit.<\/p>\n<p>Dort traf ich Max, Max Studevend. Wir verliebten uns ineinander und er dr\u00e4ngte mich dazu, ihn zu heiraten und aus dem Herr auszusteigen, solange ich es noch konnte. Wir gr\u00fcndeten ein eigenes kleines Gasthaus, das \u201eDie drei Hufeisen\u201c (De Drie Hoefijzers). Ich trug nach vielen Jahren wieder R\u00f6cke und Kleider. Ich wusste nicht mehr, wie sich das Tragen eines Kleides und das Verhalten einer Frau anf\u00fchlt, zu lange hatte ich es verdr\u00e4ngt. Eine Zeit lang lebten wir ruhig und sicher und zusammen.<\/p>\n<p>Doch als er dann starb, ver\u00e4nderte sich alles: Der damals so laute und belebte Gasthof, in  dem gelacht, gewettet, geflucht und getrunken wurde, war tot, ermordet von der Stille und  Taubheit, die mich \u00fcberall hin verfolgten und denen ich, egal was ich tat und wie sehr ich mir w\u00fcnschte, sie w\u00fcrden verschwinden, nicht entrinnen konnte. Sie wurden zu st\u00e4ndigen  Begleitern meines Lebens: Sie verdarben jedes Essen und vertrieben jede Kundschaft und  Freunde.<\/p>\n<p>Ach, wenn er doch da w\u00e4re, er k\u00f6nnte mir sagen, ob ich das Schiff betreten soll, oder nicht. Ob ich mich wieder hinauf aufs Meer hinaus wagen soll, oder nicht. Ob ich es nochmal mit dem Gl\u00fcck versuchen soll, oder nicht. Und der Liebe. Aber das ist er nicht. Da bin nur ich. Allein.<\/p>\n<p>Ja, ich war gl\u00fccklich. Aber nicht wegen des Gasthauses, sondern seinetwegen. Aber er wird nicht wiederkommen, nie wieder. Daf\u00fcr aber ich, das alte ich, das flucht und k\u00e4mpft und trinkt und kein Blatt vor den Mund nimmt. Das nichts h\u00f6ren will von Stricken und am Kamin sitzen. Es will nach drau\u00dfen, in die echte Welt, in die Gefahr, aufs Meer.<\/p>\n<p>\u201eName?\u201c, fragt der Junge und ruft mich so aus meinen Gedanken, zur\u00fcck in die Realit\u00e4t. Er wirkt nerv\u00f6s und sehr darauf erpicht, alles richtig zu machen. Er ist viel zu jung, um auf  dem Schiff mitzufahren, h\u00f6chstens 14 oder 15. Als ich nicht sofort antworte, blickt er von  seiner Liste auf. Seine Augen sind ger\u00f6tet von der Seeluft und schwer von M\u00fcdigkeit und  doch sehe ich da ein schwaches Funkeln. Vorfreude? Hoffnung? Er hofft wohl auch auf einen Neuanfang. Ich muss l\u00e4cheln. \u201eMilan Read\u201c. Er tritt zur Seite, um mich durchzulassen. Ich z\u00f6gere.<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt das Schiff betrete, gibt es kein zur\u00fcck. Und wenn dann irgendwie herauskommt, dass ich gar kein Mann, sondern eine verkleidete Frau bin, die sich angema\u00dft hat, auf der  Albatros mitzufahren, \u2026 Gott wei\u00df, was dann mit mir geschieht.<\/p>\n<p>Und doch betrete ich das Schiff.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wieso, vielleicht ist es die Sehnsucht nach dem Abenteuer. Oder dem Meer.  Oder schlicht dem, was ich als Frau nie haben k\u00f6nnte. Ich wei\u00df nur, dass ich meine  Entscheidung sicher bereuen werde, wenn meine wahre Identit\u00e4t aufgedeckt wird. Aber  das, das ist ja erst Morgen.<\/p>\n<p>\u00a92018 SchreibKunst-Blog\/ Carla Trapp (9d)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Name ist Mary Read und morgen schon werde ich enttarnt. Mein Geheimnis wird entdeckt und ich werde ausgesto\u00dfen und bestraft. Morgen schon - nicht unbedingt dieses Morgen, sondern ein Morgen: Wenn nicht morgen, dann \u00fcbermorgen oder \u00fcber\u00fcbermorgen. Was machen schon ein paar Tage? 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